Wir fliegen nach Dublin?

Ich bin naturgemäß ein Spieler. Allerdings verkneife ich mir das Kasino. Das könnte teuer werden, und kasinotaugliche Kleidung mag ich nicht anziehen.

Meinen Kick hole ich mir auf Auktionen. Online, am Telefon, im Saal… finde ich toll. Fühlt sich so ein bisschen nach Wildwestduell an für mich.

Gekauft wird, was in die Sammlung passt. Ich habe ein Monatsbudget, das ich nicht zu überschreiten versuche, empfinde es aber schon als Ziel, das Budget nicht ungenutzt zu lassen. Gegen Monatsende biete ich also durchaus etwas aggressiver. Es bleibt nicht aus, dass man häufiger verliert als gewinnt. Im Saal, am Telefon macht mir das nichts aus – auch online nicht, solange es „nur“ daran liegt, dass jemand anders höher bietet. Dann wollte der es eben dringender. Oder hatte mehr Geld übrig. Okay. Dann soll er es haben. Kommt wieder. Die wenigsten Dinge, auf die ich biete, sind echte Einzelstücke. Die, die es sind… tauchen meist auch wieder auf, nur wenige Sammlungen sind heute schwarze Löcher wie die meine, aus der nichts wieder hergegeben wird.

Was mir gelegentlich Probleme macht ist, wenn es an der Technik scheitert. Wenn das Gebot nicht „durchgeht“, weil das Auktionshaus seine Internetverbindung nicht gut unter Kontrolle hat. Weil die Verbindung zu langsam ist, die Gebote nicht richtig übermittelt werden. Sowas ärgert mich.

Unter Umständen sehr. Das hängt dann wieder vom Objekt ab.

Und da ich mich ärgernd für meine Mitmenschen nicht besonders angenehm bin, ist es schlau, diesen Zustand zu vermeiden.

Da blätterten wir also einen Katalog durch, und es fiel der Satz „Wenn ich das Ding nicht bekomme, weil bei denen das Internet wieder nicht geht, dann bin ich sauer.“

Der Mann schaut aufs Datum, den Ort, seinen Terminkalender und sagt sehr sachlich: „Okay. Dann lass uns doch einfach hinfahren und das im Saal machen, können wir noch ein Wochenende Kurzurlaub dranhängen, Dublin ist doch schön.“

Stimmt, Dublin ist schön, aber… ich stecke mitten in einem großen Projekt und habe keine Zeit, für das Wochenende nach Abgabe einen Kurzurlaub zu planen. Und ich bin immer derjenige, der sich bei uns um die Reisepläne kümmert.

„Kein Problem“, sagt er. „Ich kümmer‘ mich drum.“

Ich reise nicht zu anderer Leute Pläne, das ist mir zu unsicher. So ganz allgemein. Nun hat er ja aber schon eine gewisse Sonderstellung, und mit etwas nachdenken willige ich ein, wir fahren und er darf die Fahrt planen. Da hängt ein ganz großes „…Und wenn es schief geht, planst du nie wieder irgendwas.“ In der Luft, aber das kann er zum Glück ab.

*

Zunächst fiel dann das Ganze noch fast ins Wasser, weil der Herr sich die Grippe holte. Nicht die berühmte Männergrippe, sondern die richtige. Ich hatte auch nichts mehr von Dublin gehört, und mich schon gedanklich von der Auktion im Saal verabschiedet, weil – naja, echt krank sein ist ja ein zulässiger Grund um die Organisation nicht hinzubekommen. Dagegen kann nicht mal ich was sagen.

Umso überraschter war ich dann, als er Mittwoch morgens aufstand und in die Arbeit ging. Weniger über die Tatsache an sich, er lässt sich grundsätzlich nicht länger krankschreiben als absolut notwendig… und mehr über den Kommentar: „Ich kann ja nicht heute und morgen krank sein und Freitag dann gleich freinehmen weil wir nach Dublin fliegen. Wie sieht’n das aus?“

Da stand ich dann erst mal. Wir fliegen nach Dublin? Ich muss es irgendwann mal in meinen Kopf bekommen: Solange er nicht sagt, dass wir ein Vorhaben ändern müssen/sollten, gilt die Planung weiter. Er ist nur der absolut einzige NT den ich kenne, der das so strikt durchzieht. Er war sogar mal etwas angefressen, als ich mich darüber erstaunt zeigte. „Du hältst dich doch auch dran, dass ich nicht will, dass in meiner Küche jemand was verstellt…“

Ich hatte von seiner Planung wirklich null mitbekommen und musste mich also komplett drauf verlassen, dass er das schon wirklich alles ordentlich gemacht hatte und wir nicht irgendwo in der Luft hängen würden. Das einzige was wir noch abgesprochen hatten, bevor er sich mich fast allen vorhandenen Kuscheldecken ins Bett verkrochen hatte war, dass wir am Samstag nicht nach Dangan Castle fahren würden. Das war zwar der alte Familiensitz meines Herzogs Wellington, ist aber heute nur noch eine Ruine und nach kurzer Recherche nicht wirklich besichtigungstauglich. Davon, dass ich das Stadthaus der Familie Wesley/Wellesley in Dublin zu Gesicht bekommen würde, ging ich mal aus.

Wir fliegen also nach Dublin. Schön, ich war schon ewig nicht mehr in Irland. Letztes Mal… oh, das war direkt nach meinem ersten Diplom, da hatte eine Kommilitonin zur „Irish Castle Tour“ geladen. Damals waren wir einen halben Tag in Dublin, eigentlich wollte ich das Book of Kells sehen. Das war aber gerade nicht ausgestellt.

(Das Buch hat irgendwie Angst vor meiner Familie… meine Eltern waren letztes Jahr in Dublin, meine Mutter wollte gerne das Book of Kells sehen. Es war gerade nicht ausgestellt…)

Wir steigen aus dem Flieger, er schaut sich einmal um und zeigt auf einen Lageplan. „Taxi“, sagt er, „Wir fahren zu Merrion Square.“

Merrion Square (Cearnóg Mhuirfean) befindet sich mitten in Dublin und ist alles Mögliche – also unter anderem eine Straße und ein Park, und nicht nur, wie der Name andeutet, ein Platz. Direkt daneben befindet sich die Upper Merrion Street, und in der Upper Merrion Street befand sich eben das Stadthaus der Wesleys, die die Schreibweise ihres Namens später zu Wellesley änderten, und aus deren „Familiendepp“ später der Herzog Wellington wurde.

Das war ja lieb gedacht aber … „Können wir vielleicht erst ins Hotel? Ich würd‘ gern die Tasche abstellen und für Merrion Street möchte ich auch nicht hetzen müssen…“

„Nein, komm, wir fahren da jetzt erst mal hin. Wenn dir die Zeit nicht reicht, können wir da übers Wochenende so oft hin, wie du willst.“ Gesagt mit diesem „Hab‘ hier mal etwas Vertrauen in meine Planungsfähigkeiten“-Ton, der mich bei jedem anderen auf die Palme treiben würde.

Er wird… naja, wissen, was er tut. Es ist ja auch objektiv nicht in seinem Sinne, uns gleich am ersten Nachmittag das Wochenende zu versauen… oder? Also irgendwas wird er sich hoffentlich gedacht haben dabei. Ich steige mit ins Taxi. Dass wir das Taxi nehmen wird schon mal positiv abgelegt. Ich bin kein Freund von Bus und Bahn, finde das wahnsinnig desorientierend und stressig.

Wir halten in Upper Merrion Street, direkt dem gesuchten Haus gegenüber. Ich steige aus. Er bezahlt das Taxi. Das Haus sieht von außen nicht besonders auffällig aus. Rote Backsteinfassade, identisch zu den danebenstehenden Häusern. Ein nicht besonders auffälliges Schild neben der Tür, ebenfalls sehr zurückhaltende Schilder an den Blumenkästen davor: „Merrion“.

Es sieht nicht besonders besichtig-bar aus, leider. Ich hatte mich ja mit der ganzen Fahrt überhaupt nicht beschäftigt, war vom Flughafen bis eben davon ausgegangen, er würde schon nachgeschaut haben, ob man da überhaupt was zu sehen bekommt…

Der Mann grinst, marschiert auf das erste Merrion-Schild zu, tippt mit dem Finger auf den kleineren, wirklich sehr zurückhaltenden Teil des Schriftzugs unter „Merrion“.

Fünf Buchstaben.

HOTEL.