Es mangelt mir ja nun echt nicht an Selbstvertrauen…

aber DAS Selbstvertrauen mancher NTs, zu einem Thema, mit dem sie sich nie tiefer befasst haben, und das ein Fachgebiet innerhalb eines Fachgebiets ist, für das andere Leute jahrelang studieren, wilde Behauptungen aufzustellen, und dann demjenigen, der in dem Bereich tatsächlich einen Abschluss und über 15 Jahre Berufserfahrung hat, erzählen zu wollen, er würde ja die Aussage gar nicht verstehen…

Also, DAS Selbstvertrauen hätte ich auch gerne!

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So gut wie neu

Gestern, direkt vor der Beerdigung, rief meine Restauratorin (nicht wissend, dass der Zeitpunkt gerade etwas ungünstig war) an. Das Stück, das sie gerade in Arbeit hatte, sei fertig. Ich war überrascht. Geplant war frühestens August, und noch letzten Donnerstag, als sie mich wegen einer Preisänderung anrief, sprach sie von einer Woche bis 10 Tagen.

Längliche Platte mit rotem Dekor; Herzog Wellington tanzt mit der Herzogin von Richmond. Der Sprung ist nicht mehr zu sehen.

Ich vermute ja fast, die Dame ging in Hogwarts zur Schule und hat einen extrem guten Reparo gelernt. Ich kann mich gar nicht sattsehen dran…

 

Im kaputten Zustand (allerdings um Klassen professioneller ausgeleuchtet und photographiert… oben: Ich, Handy, Wohnzimmerlampe; unten: Schwägerin, Spiegelreflexkamera, professionelle Ausleuchtung 😉

Längliche Platte mit rotem Dekor; Herzog Wellington tanzt mit der Herzogin von Richmond. Ein großer Sprung in Längsrichtung.

Schade, dass du gehen musst…

Als Kind war meine Hauptbezugsperson neben meiner Mutter mein Opa. Der Vater meiner Mutter. Das ging soweit, dass die Kindergärtnerin es verwirrt kommentierte. Was anderen Kindern der Vater war mir eben mein Opa. Dabei hatte ich einen sehr jungen Opa. In der Tat ist der Altersunterschied zwischen mir und meinem Opa geringer als der zwischen meinem jüngsten Bruder und unserem Vater. Mein Opa wäre jederzeit als mein Papa durchgegangen.

Allerdings war wohl einer der ersten Sätze, die ich auch außerhalb der Familie gesprochen habe (man mag es heute kaum mehr glauben, aber ich war als kleines Kind teils recht schwer dazu zu bewegen, außerhalb des direkten Familienkreises zu sprechen): „Aber das ist doch der OPA!“ (wenn ihn jemand als meinen Vater bezeichnete).

Die Ferien und viele Wochenenden verbrachten wir bei den Großeltern. Entweder zusammen mit unseren Eltern oder ohne. Es war der einzige Ort, an dem ich damals außerhalb des Elternhauses schlafen wollte/konnte.

Ging es darum, dass meine Mutter nicht in der Lage war, mich irgendwo hinzubringen oder abzuholen, oder dass sie Abends oder Nachts einige Stunden außer Haus war, war es undenkbar, stattdessen meinen Vater einzusetzen. Es musste der Opa her. Und Opa kam, aus 200 km Entfernung (damals wohnten wir etwas weiter weg).

In den Ferien, an den Wochenenden, waren wir viel unterwegs. Alleine, draußen, still Tiere beobachten. Er brachte mir Fährtenlesen bei, Vögel zu erkennen und Rufe zu imitieren, Fisch- und Hasenfallen bauen (ohne Gerätschaften mitzunehmen, nur mit dem, was die Natur hergibt), Fischen mit der Hand. Was man im Wald draußen essen kann und was man auf keinen Fall in den Mund stecken sollte; wo man welche Pilze findet, und wie man sie zubereiten muss; welche Kräuter man draußen kennen und erkennen sollte; Navigieren im Wald. ich kann sagen, dass ich recht zuverlässig in einem Mitteleuropäischen Wald ohne Zugang zur Zivilisation weder verhungern noch verdursten würde.

Einmal nahmen wir einen jungen Aal mit und ließen den im Garten groß werden. Ich nehme an, er wurde am Ende gegessen. Wir beobachteten Ameisen beim Schwärmen und Kröten beim Wandern. Ich lernte, dass in unseren Flüssen Muscheln leben und diese einem ins Gesicht spucken, wenn man sie aus dem Wasser nimmt.

Wir waren klettern, sowohl im Fels als auch in Burgruinen. Auch da, wo man es offiziell nicht durfte (Okay, in Burgruinen dürfte das die Regel sein). Vor allem lernte ich von ihm in dem Zusammenhang, in alten Gemäuern sicher herumzusteigen, und das Risiko abzuschätzen.

Wir besuchten jede einzelne Burg und Burgruine im Umkreis von ca. 100 km – zumindest in dem Halbkreis auf deutscher Seite. Die Tschechische Grenze war damals ziemlich undurchlässig. Er gab die wichtigsten Legenden und Geistergeschichten zu jeder an mich weiter, teils einschließlich der dazu gehörenden Gedichte. So konnte ich den „Eppelein von Gailingen“ schon Jahre, bevor wir ihn in der Schule durchnahmen…

Wir besuchten Tierparks und Wildgehege, Tropfsteinhöhlen, die Schauplätze der örtlichen Nicht-Burgbezogenen Legenden und Spukgeschichten. Wir fuhren zu andere Denkmälern, Kirchen, Museen. Eigentlich waren wir ständig unterwegs. Er zeigte mir ein zugängliches Rosenquarzvorkommen, und welche von außen unscheinbar aussehende Steine in Wirklichkeit Quarzvarietäten sind, und wie man sie aufbricht, um an das hübsche Innere zu kommen.

Mein Opa war Glasmacher, und er nahm mich auch mit und ließ mir zeigen, wie die Glasbläserei funktioniert. Und immer, wenn wir dort in der „Altbayrischen“ waren, gab es bevor wir heimgingen ein kleines Glastier aus buntem Abfallglas geblasen. Die standen lange in Reih und Glied bei mir auf dem Setzkasten.

Also 1987 das KTB (Kontinentales Tiefbohrprogramm) begann, waren wir bei erster Gelegenheit dort.

Als die Grenze geöffnet wurde, fuhren wir direkt Ziele in der nahegelegenen Tschechoslowakei an. Wir waren vor der Wiedervereinigung noch in der DDR. Politik usw. interessierte mich damals absolut noch nicht, aber es reichte die Tatsache, dass mein Opa sofort dorthin wollte, nachdem es problemlos ging, um mir klar zu machen, dass die Grenze so, wie sie vorher gewesen war, nicht in Ordnung war.

Mein Opa war auch der erste, der mich mit in ein ehemaliges KZ nahm und mir erklärte, um was es da ging.

Als mein Vater eine Stelle sehr viel näher an den Herkunftsorten meiner Eltern annahm, kauften meine Eltern ein Grundstück in der Heimatstadt meiner Mutter und bauten dort, nur zwei Straßen von den Großeltern entfernt, ein Haus.

Auf dem Land, mit schlechten öffentlichen Verkehrsmittelverbindungen (und außerdem meiner damals schon vorhandenen Abneigung gegen öffentliche Verkehrsmittel) wäre es schwer gewesen, nachmittags irgendwas zu unternehmen – wäre da nicht mein Opa gewesen, der uns unermüdlich fuhr, egal, wohin wir wollten. Ein Anruf genügte. Nie Beschwerden, nie „ich habe keine Zeit“, obwohl ich sicher bin, dass er damit viele Nachmittage verlor (Abholen musste er uns ja auch wieder).

Mein Opa kochte den besten Apfelsaft, gefühlt tonnenweise Marmeladen und Gelees, und war auch in der Küche (für die Saft/Marmeladen/Geleeproduktion hatte er einen eigenen Raum im Keller mit großem Ofen und Kessel) unschlagbar.

Er war für Science Fiction zu haben – insbesondere Star Trek und Perry Rhodan, was er auch bereits an seine Töchter weitergegeben hatte – und ging mit uns ins Theater. Meine allererste Theatervorstellung war das Wirtshaus im Spessart – besonders aufregend, da wir aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, auch noch mit dem Bus hinfuhren.

Zu meiner Erstkommunion bekam ich von meinen Großeltern ein offizielles Geschenk. Ich bin mir nicht mehr sicher, was es war. Möglicherweise die Armbanduhr, die ich nie getragen habe, und die noch immer unbenutzt in ihrem Kästchen liegt. Möglicherweise waren es die Ohrstecker – damals trug ich noch Ohrringe, und ich tauschte an dem Tag auf jeden Fall die vorherigen Kinderohrringe gegen ein Paar „erwachsenere“ Stecker aus, die ich mir ausgesucht hatte.
Ist auch egal… was für mich zählte war, dass meine Großeltern am Vortag anreisten und mir mein Opa eine umklebte Schachtel  in die Hand drückte. Dazu muss ich sagen, dass meine kleine Obsession mit Moby Dick tatsächlich bis in und vor diese Zeit zurückgeht. Ja, ich weiß, neunjährige lesen normalerweise noch nicht gerade Moby Dick. Bei uns hieß es immer, gelesen wird, was gefällt, und Kinder lesen nicht weiter, wenn das Buch noch nichts für sie ist. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits mit einer Klassenkameradin, deren Mutter Schneiderin war und die daher für das Alter sehr gut mit Nadel und Faden umgehen konnte und auch ein bisschen Ahnung davon hatte, wie man eben Sachen näht, aus einem alten Betttuch einen „weißen Wal“ gebastelt. Der war trotzdem irgendwie suboptimal. Und da kam nun eben mein Opa und brachte mir – am Tag vorher, weil es sich nicht so wahnsinnig gut für den Geschenketisch eignete … ein Extrageschenk.

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Er durfte dann doch mit auf’s Geschenkefoto…

Jahrelang hatte mein Opa im Treppenhaus aufgeklebte Puzzles aufgehängt. Segelschiffe. Jahrelang bekam er von mir zum Geburtstag oder zu Weihnachten neue ausgeklebte Segelschiffpuzzles. Es war die einzige Situation, in der ich bereit war, ein Puzzle auf Holz zu kleben.

Das erste Gedicht meines Lebens lernte ich auswendig, um es beim Geburtstag meines Opas aufzusagen. Es waren vier Zeilen, und die kann ich sogar noch.

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So viel Dorn‘ ein Rosenstock / So viel Haar‘ ein Ziegenbock / So viel Flöh‘ ein Pudelhund / So viel Jahr‘ bleib du gesund

Vor zwei Jahren stand ich mit der örtlichen Museumschefin im Museum, und sie erwähnte, dass sie sich mit den historischen Glasmacherwerkzeugen nicht auskenne. Ich rief Opa an, um zu fragen, ob er dazu nicht ein Buch hätte oder zumindest wüsste. Eine halbe Stunde später stand er im Museum und erklärte und zeigte.

In jüngeren Jahren war mein Opa bei der freiwilligen Feuerwehr. Kurzfristig im Faschingsverein. Später begleitete er meinen Vater zu politischen Veranstaltungen, war aber selbst nicht aktiv. Er trieb immer und bis ins hohe Alter Sport, was wohl auch massiv dabei half, dass er sich von dem schweren Herzinfarkt, den er mit Anfang 60 hatte, wieder voll erholte. Noch letzten Montag bei der Aufnahme ins Krankenhaus war der aufnehmende Arzt überrascht von seinem für sein Alter eigentlich ungewöhnlich guten Allgemeinzustand.

Eigentlich, wäre da nicht die Tatsache, dass er in den letzten drei Monaten rapide abgenommen hatte. Anfang des Jahres noch fuhr er selbst Auto, ging Einkaufen, ging Schwimmen, kochte, schmiss große Teile des Haushalts, kümmerte sich um meine aufgrund langjährigem Rheumas pflegebedürftige Oma. Dann ging es rapide abwärts, er konnte nicht mehr essen, schließlich kaum noch trinken.

Anfang der Woche bat er darum, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Zu dem Zeitpunkt wussten wir bereits, dass wir die ihm verbleibende Zeit maximal in Wochen, eher in Tagen rechnen. Meine Brüder waren in der Woche vorher aus ihren jeweiligen Universitätsstädten gekommen, um noch mal einen Nachmittag mit ihm zu verbringen.

Ich war gestern das letzte Mal bei ihm, wir wechselten uns ab. Zu dem Zeitpunkt bekam er auf seinen Wunsch hin nur noch Morphium. Er schlief am frühen Nachmittag ein, und ist unseres Wissens nicht mehr aufgewacht.

Nach einem extrem vollen heutigen Tag gehe ich jetzt noch eine Kerze anzünden. Für den besten Opa, den man sich wünschen kann.

28.12.1934 – 30.06.2017

 

Wellensittichkreisel

Montagvormittag brachte ich als erstes Mal den neuen Welli zum Tierarzt. Geringen Milbenbefall „kann ich selbst“, aber wenn mal die Beine mit betroffen sind, ist mir das zu riskant, da muss jemand drüber schauen, der das studiert hat…

Wir kommen also ins Behandlungszimmer; heute haben wir eine der beiden Tierärztinnen (es ist eine Gemeinschaftspraxis von drei Personen).

Sie schaut in den Transportkäfig und fragt mich, was denn mit ihm los sei.

Ich: „Milben.“

Sie schaut mich, wie ich interpretiere, etwas kritisch-genervt-auffordernd an. Ich lege das so aus, dass sie meint, ich sollte mir etwas mehr als zwei Silben abringen. Also hole ich tief Luft.

„Ich sehe Grabgänge am Schnabel und an den Ständern.“ Bevor sie noch was sagen kann, schiebe ich hinterher: „Und ich hatte ein ziemlich anstrengendes Wochenende und bin heute nicht wahnsinnig gesprächig.“

Sie, etwas lachend: „Ich sehe bisher nicht mal den Schnabel…“

Das war dann so in etwa der Moment, in dem mir endlich auf der „aktiven“ ebene bewusst wurde, dass sie gerade schon zweimal um den Käfig herumgegangen war, und der Welli sich dort drin durchgängig mitgedreht hatte – so, dass sie immer nur auf seinen Schwanz schauen konnte.

Fazit: Wenn Leute komisch schauen, liegt es nicht immer an mir – manchmal ist einfach nur der Vogel gerade ein A***.

Der Neue

Bis Sonntag war mein Name noch Koko, und ich lebte an einem Ort namens Autobahnraststätte. Da war immer eine ganze Menge los, gefüttert wurde ich auch gut, aber fliegen konnte ich natürlich nicht… Artgenossen waren auch nicht in der Nähe, egal, wie laut und lange ich gerufen habe, in der Hoffnung, dass sich doch einer findet.

Irgendwann kamen Leute vorbei, die mich sahen, und mit dem Mann redeten, der mir Futter und Wasser brachte… und es wurde ausgemacht, dass ich „wegkomme“. Wohin weg war zuerst nicht ganz klar, aber die Leute kannten jemanden, der jemanden kannte…

Und dann stand am Sonntag plötzlich ein Mensch da, packte mich ein und nahm mich mit. Autofahren fand ich schon mal komisch, da traute ich mich gleich gar nicht mehr singen.

Am Montag wurde ich dann direkt zu einer komischen Frau mit blauem Mantel geschleppt, die mir einen blöden Flüssigkeitstropfen unter die Federn getropft hat. Leider habe ich nämlich Milben, die nicht nur meinen Schnabel, sondern auch schon meine Ständer (so heißen Vogelfüße richtig) angegriffen haben.

Außerdem heiße ich jetzt nicht mehr Koko, sondern Cadoux. „Wegen übermäßiger Hübschigkeit“, sagte mein neuer Mensch.

Na gut… Hübsch bin ich wirklich… trotz Milben.

Oder?

Grün-Gelber WellensittichGrün-gelber Wellensittich, Seitenansicht

Senfkristall

Es ist ein paar Jahre her. Ich war dabei, eine Immobilie zu kaufen. Der aktuelle Eigentümer hatte sich etwas übernommen – großes altes Gebäude, Renovierung deutlich teurer als geplant… Wir saßen bei ihm im Wohnzimmer, es sollte geklärt werden, welche Kosten ich zu übernehmen bereit wäre usw. Eigentlich keine große Sache, allerdings fand ich die Art einer anwesenden Person extrem schwer zu tolerieren. Viel fehlte nicht mehr, und ich hätte ihm gesagt, wo er sich seine überhebliche Art hinstecken konnte.

Etwa zu dem Zeitpunkt fiel der Hausherrin ein, dass sie ja mal Getränke anbieten könnte. Ich war schon halb dabei, abzulehnen – jetzt noch irgendein Trinkgefäß zu bekommen, das mir in der Verwendung unangenehm wäre, war gerade nichts, das ich brauchen konnte… das allerletzte, was ich jetzt wollte, war noch ein Kunststoffbecher oder irgendwas…

Dementsprechend rutschte mir auch direkt, als sie die Gläser auf den Tisch stellte, recht erfreut raus: „Oh, Thomy-Senfkristall. Cool, die hab ich auch.“

Dem eher unangenehmen Menschen klappte dann gleich mal der Mund wieder zu… es wurde später noch spekuliert, er hätte wohl schon angesetzt gehabt, sich abfällig über Leute zu äußern, die aus Senfgläsern trinken, weil sie sich keine Trinkgläser leisten können oder so.

Naja, vorbeugend stellte ich dann bim nächsten Termin (der bei mir stattfand) direkt das „Senfkristall“ auf den Tisch.

 

Was ich nicht so recht nachvollziehen kann, ist der Gedanke, dass die Weiterverwendung der Senfgläser als Trinkglas was mit „sich leisten können“ zu tun hat. Es sind Gläser. Sie haben eine gute Form, eine praktische Größe, sie sind ohnehin im Haus, und wegwerfen wäre doch wohl Verschwendung…

Also ich jedenfalls bin mit dem „Senfkristall“ aufgewachsen, es waren sowohl bei meinen Großeltern als auch bei meinen  Eltern die Alltagsgläser, und es sind auch meine. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin, und das „Senfkristall“ auf den Tisch kommt, dann freut mich das, weil es sich „richtig“ anfühlt. Die Form, die Größe, die Art, wie das Glas in der Hand liegt, das Gefühl beim Trinken – es stimmt einfach. Es ist, wie es für mich „sein sollte“.

Ja, es kann ganz schön blöd sein, wenn man sich an sowas so „aufhängen“ kann, aber es gibt echt Trinkgefäße, da halte ich lieber den ganzen Tag ohne was zu trinken durch, als dass ich die an die Lippen setze. Dazu gehört Kunststoff (fühlt sich für mich immer „warm“ an und verdirbt jedes Getränk), alles, was im Mundbereich eine Struktur hat, die ich beim Trinken fühle, und alles, was so dünnwandig ist, dass ich das Gefühl habe, ich könnte Problemlos ein Stück rausbrechen.  Außerdem Formen, die nicht ganz rund sind.

Ungern mag ich auch Gläser, in denen ich schlecht abschätzen kann, wie viel noch drin ist, und solche, die irgendwelche Gimmicks im Boden haben. Da schaue ich dann nirgends anders mehr hin.

Am einfachsten ist es also wirklich, man stellt mir das Senfkristall hin.

 

In dem Zusammenhang sorgte meine Mutter gerade für Erheiterung.

Bei ihr gibt es kein Thomy-Senfkristall sondern Develey-Senfkristall – weil sie Thomy nicht mag, und gekauft werden die Dinger ja nun mal wegen dem Senf, der drin ist. Die Gläser sind aber in der Größe usw. so gut wie identisch, nur der Fuß unterscheidet sich etwas.

Allerdings hat meine Mutter gerade mit Develey ein kleines „Hühnchen zu rupfen“. Denn das Unternehmen ist umgestiegen.

„Von Trinkgläsern auf Marmeladengläser“, um es mit ihren Worten zu sagen.

Ich schaute erst mal etwas sparsam. Sie hielt mir ein Glas unter die Nase und nahm den Deckel ab.

„Sind hervorragende Marmeladengläser ,“ sagte sie. „Nur trinken kann man halt nicht draus.“

Ah. Schraubverschluss meint sie… ihre Marke ist vom glatten Rand auf einen Schraubverschluss umgestiegen… Kapiert habe ich es, aber ob ich jemals den Gedanken aus dem Kopf bekomme, dass Develey Senf im Marmeladenglas verkauft… oder das Kopfkino dazu wieder los werde…

 

Neulich in Glasgow…

…wurde ein Atty versteigert, das ich unbedingt wollte. Ich habe es auch bekommen.

Nun lieferte die Spedition es heute endlich bei uns zu Hause ab.

fireplace screen

Das Bild ist gestickt, aufgezogen, hinter Glas… das ganze Teil gehörte mal dazu, als Schutz vor fliegender Asche und Funken vor einen offenen Kamin gestellt zu werden.

Das Motiv ist, wie ich schon mal irgendwo vermerkt habe, mein zweitliebstes Wellington-Bild.

Am liebsten würde ich mich jetzt davor setzen und ihn einfach nur ein paar Stunden lang anschauen. Dummerweise muss ich aber heute noch was arbeiten.

Alternativer Verwendungszweck…

So richtig unnötig sind ja Leute, die immer alles hinterfragen müssen.

Dabei meine ich nicht die Leute, die ehrliches Interesse haben und Zusammenhänge verstehen wollen, sondern die, die ganz verzweifelt versuchen, einen beim Lügen zu erwischen. So etwa gestern die Dame, die etwas abholend, zu uns kam, und vorwurfsvoll sagte: „Ich dachte, dir IST NICHT kalt in deiner Wohnung und du MAGST das so kühl. Warum liegt dann in jedem Zimmer eine Jacke?“

Wüsste nicht, was die Dame das angeht, aber bitte… ich hab ihr dann mal einen Papagei auf den nackten Arm gesetzt. Der Effekt kam besonders gut, weil wir für gestern Abend Krallenschneiden angesetzt hatten, d.h. die waren gerade so richtig, richtige böse lang und scharf. Und bei ihrem ersten Zucken machte Papagei natürlich aus Reflex den Fuß zu, um sich festzuhalten.

Grins… Ich hoffe, das hat ihre Frage beantwortet… und sie weiß jetzt, weshalb bei mir in jedem Zimmer ein schnell an- und auszuziehendes Kleidungsstück mit langen Ärmeln liegt…

Venedig vor Ostern

Lange nichts von mir hören lassen… Es war viel los, und keine Zeit, um zu schreiben.

Dann versuche ich jetzt mal, etwas aufzuholen…

Ostern. Weder mein Mann noch ich legen Wert auf Ostern. Ob „trotz“ oder „weil“ wir beide aus katholischen Familien kommen, lasse ich mal dahingestellt.

Eine Bekannte bot uns an, über die Feiertage mit ihr in ihr Ferienhaus in Italien zu fahren. Das lehnten wir ab. Sie ist unzuverlässig, das wissen wir. Es hätte sein können, dass sie uns noch zwei Tage vor Abfahrt absagt.

Aber der Gedanke „Italien“ hatte sich dann schon mal festgesetzt.

Lord Byron ist ein Thema, das uns interessiert, und das uns ja auch schon mehrfach nach England gezogen hatte. Und Lord Byron verbrachte eben, als er England aufgrund seiner hohen Schulden verlassen musste, nicht nur Zeit am Genfer See, sondern auch mehrere Jahre in Italien.

Die Entscheidung fiel also: Venedig und Ravenna sollte es werden. Hoffentlich, so unser Gedanke, wären über Ostern die meisten Touristen in Rom.

Eines im Voraus: Ich werde immer mehr zum Fan von Touristenapps fürs Handy. Boarding Pass im Flugzeug und Ähnliches machen wir ja schon lange übers Handy – und inzwischen auch ohne Backup-Ticket in der Tasche. Dieses Mal haben wir noch etwas anderes gemacht: Viele Museen und ähnliche Einrichtungen bieten inzwischen die Möglichkeit, den Eintritt im Voraus zu bezahlen, und dann über Einscannen des auf dem Handybildschirm angezeigten Codes hineinzukommen. Ganze ehrlich? Ich bin begeistert. Kein Anstehen an der Kasse, keine Schlangen, kein Lärm aushalten, sondern einfach nur zügig rein, in aller Ruhe durch, wieder raus. Sollte man bitte in allen kulturellen Einrichtungen zum Pflichtangebot machen.

Wir sprechen beide kein Italienisch, aber bekanntermaßen Latein. Und, wie sagt mein Bruder so schön? „Italienisch ist auch nur Latein im Ablativ.“ Also… Man setze jedes Substantiv und Adjektiv in den Ablativ, und schon hat man – zwar nicht wirklich Italienisch, aber immerhin etwas, mit dem man sich hervorragend verständlich machen kann.

Der Plan sah so aus: Freitag Anreise in Venedig; Samstag Venedig; Sonntag früh morgens weiter nach Ravenna. Montag Rückreise aus Ravenna. An sich sind drei Nächte ziemlich lang für mich, aber gerade noch vertretbar.

Der Hinflug war auffallend unspektakulär. Wir hatten den vorderen Teil des Flugzeugs quasi komplett für uns. Wohl kein Wunder, Geschäftsreisen über Ostern werden selten sein, und die wenigsten privat reisenden sind so wahnsinnig, Business-Tickets zu buchen.

Der erste Abend in Venedig war nett. Für mich nicht zu warm, für meinen Mann nicht zu kalt. Nun gut… es ist Venedig, was musste also gleich mal sein, nachdem wir im Hotel eingecheckt hatten?

Genau… eine Gondelfahrt.

Erster Punkt: Gondelfahrten sind schweineteuer. In der „normalen“ Sechspersonengondel kostet die Fahrt 31 Euro pro Person. Das wäre mir definitiv zu eng gewesen. Es gibt allerdings auch noch die Möglichkeit, eine „romantische Gondelfahrt“ zu buchen. Dann ist man zu zweit in der Gondel, zahlt aber halt entsprechend mehr. Vor allem, wenn es Abend ist, denn dann wollen alle.

Wenn der Geldbeutel noch lockerer sitzt, kann man auch einen Musiker und Sänger zubuchen. Das „scheiterte“ bei uns allerdings nicht am Geld, sondern daran, dass ich es mit Musik nicht so sehr habe, und sicher kein Akkordeon und auch keinen italienischen Sänger im Boot brauche. Wir beschränkten uns also auf die romantische Gondelfahrt zu zweit.

Zweiter Punkt: Auch Gondelfahrten kann man per Handy vorbuchen. Man wird dann direkt abgeholt, an der Schlange vorbeigeleitet und kommt zum vereinbarten Zeitpunkt ohne lästiges warten im Personenstau zur Gondel. Das würde ich dringend empfehlen.

Eine Gondelfahrt dauert etwa eine halbe Stunde. Obwohl an dem Punkt, von dem wir abfuhren, ziemlich viel los war, war auf dem Kanal doch weniger los, als ich mir vorgestellt hätte. Ein interessantes Erlebnis auf alle Fälle.

Der Tag endete für uns dann in aller Ruhe auf der Terrasse des Hotelrestaurants mit Touristenpizza.

*

Der Samstagmorgen begrüßte uns mit grauem Himmel und Nieselregen. Ein Glück, dass wir uns bei Feuchtigkeit nicht auflösen, denn es hörte den ganzen Tag nur sehr sporadisch auf damit. Zwei feste Ziele hatten wir uns für diesen Tag ausgesucht. Das erste, den Palazzo Mocenigo, hatten wir bereits am Vorabend vom Wasser aus gesehen. Dort hatte Byron während seiner Zeit in Venedig gelebt. Damals hieß es, der Palazzo hätte zwei Eingänge: Einen für die Mädchen aus Cannaregio und einen für die Mädchen aus Castello. Heute ist der Palazzo ein Museum – und zwar eines, das die Zeit auf jeden Fall wert ist.

Pünktlich um 10 Uhr kamen wir dort an. Die biglietti hatten wir ja schon.

Der Palazzo wäre schon ohne Museumsinhalte einfach nur Wahnsinn. Was für wunderschöne Räume… da weiß ich gar nicht so genau, wo ich zuerst hinschauen sollte… Es gibt eine Spezialausstellung zum Thema Parfüm, die mir zum allerersten Mal diesen Bereich irgendwie interessant vermittelt hat. Auf das Testriechen habe ich allerdings verzichtet.

Sehr viel Zeit verbrachten wir beim Betrachten der ausgestellten Bilder, Möbel und vor allem Textilien. Wir stehen ja nun beide auf historische Gewänder, und hier waren schon ein paar ganz besonders schöne zu sehen.

Zuletzt besuchten wir noch die Sonderausstellung „Alchimie der Farbe“, die sich mit dem Thema Färben von Stoffen und Garnen befasst. Da tut es mir direkte leid, dass ich keine Zeit mehr habe, um selbst Garn zu spinnen und zu färben.

Einen kleinen Abstecher zur Seufzerbrücke – die ihren Namen eben unserem Lord Byron verdankt – genehmigten wir uns danach noch, bevor wir uns in aller Ruhe ein Mittagessen suchten, und uns dann schön langsam in Richtung Lido vorarbeiteten. Der Lido di Venezia ist eine Insel am Rand von Venedig – dort, wo heute die Filmfestspiele von Venedig stattfinden, und wo Lord Byron damals um 1816 mit Sondergenehmigung Pferde hielt – seiner Aussage nach die einzigen Pferde Venedigs. Von dort startet er auch seine Schwimmwettbewerbe.

Das allerdings war nicht der Grund, warum wir zum Lido mussten. Von dort gehen aber die Schiffe zur Insel San Lazzaro, und dort befindet sich unser zweites fest eingeplantes Ziel: nämlich das armenische Kloster, in dem Byron viel Zeit verbachte, armenisch lernte und bei der Erstellung einer armenischen Grammatik half.

Es gibt nur eine Führung täglich, nämlich um kurz vor halb vier Uhr nachmittags. Außerhalb der Führung steckt man vor dem Kloster fest und kann nur auf das nächste Schiff warten, das einen wieder zurück bringt. Das wussten wir allerdings – und kamen entsprechend zum richtigen Zeitpunkt an.

Die Führung dauert zwei Stunden und findet statt – egal, wie viele Leute da sind. Für größere Gruppen könnte man auch eine Sonderführung buchen. Dank des immer noch eher unschönen Wetters, war neben uns nur noch ein anderes Paar da, sodass wir fast eine Privatführung hatten.

Die Gärten konnten wir dank des Regens weniger gut besichtigen – uns hätte es nicht so sehr gestört, aber die beiden anderen wollten dringend rein. Die Klosternbibliothek ist einfach traumhaft. Es wird viel Interessantes erzählt, es ist ein wahnsinnig ruhiger und angenehmer Ort. Noch ruhiger und angenehmer wäre er in anderer Gesellschaft gewesen, denn die beiden nahmen es alleine locker mit jeder kompletten Touristengruppe auf, was das sich-beschweren-über-alles betraf.

Dann kann man auch noch einkaufen. Rosenmarmelade zum Beispiel, da die Mönche ihre Rosengärten tatsächlich kulinarisch nutzen. Ich mag ja süß normalerweise gar nicht, aber für Rose mache ich immer eine Ausnahme. So natürlich auch hier.

Schließlich standen wir gegen sechs Uhr wieder am Lido. Hunger hatten wir noch nicht wieder, wirklich Lust dazu, ins Hotel zurückzugehen auch nicht… zielloses touristisches Bummeln ist auch nicht unser Ding.

Also kam uns der Gedanke, nachzuprüfen, ob wir nicht doch noch eine Tour im Palast des Dogen bekommen könnten. Diese Führungen sind immer privat, nicht unter zwei Stunden zu haben, bis in den Abend hinein buchbar, in unterschiedlichen Sprachen verfügbar und es wird damit geworben dass der Führer auf alle persönlichen Wünsche eingeht.

Wir hatten Glück – und so kehrten wir also dahin zurück, wo wir an dem Tag bereits einmal gewesen waren, dieses Mal, um neben der Brücke auch den Palast zu besichtigen.

Gut, auch diese Führung ist teuer, aber es waren nochmal zwei Stunden, die sich wirklich gelohnt haben. Da man mit dem Führer alleine ist, kann man sich wirklich auf das konzentrieren, was einen interessiert, länger oder kürzer in den Räumen bleiben, etc. Der Herr war sehr zuvorkommend und höflich (darf er für 100 Euro pro Stunde auch sein), informativ und kein bisschen genervt… obwohl ich zwar durchaus noch interessiert und aufnahmefähig war, aber meine Interaktionsfähigkeiten inzwischen – vor allem nach dem ständig jammernden anderen Paar im Kloster – doch etwas zu wünschen übrig ließen.

 

 


Bildquellen, da wir als notorische Nichtfotografen mal wieder keine gemacht haben:

Seufzerbrücke: By Tony Hisgett from Birmingham, UK (Brdge of Sighs  Uploaded by tm) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Klosterkirche, Innenansicht: By Leon Petrosyan (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Dogenpalast, Innenraum: von Christian Rosenbaum (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en), CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons