Belagerung von Badajoz – Reenactment (Teil 1)

Normalerweise finden Reenactments an den Jahrestagen der dargestellten Ereignisse dar. Da die meisten Reenactors voll berufstätig sind (je nach Rolle muss es kein teures Hobby sein, aber kostenlos ist es nie), und ja auch die Zuschauer Zeit haben sollten, werden sie zumeist auf das vorhergehende oder das folgende Wochenende gelegt.

Da aber ein spanischer oder portugiesischer Sommer wirklich sehr heiß werden kann, und da kaum jemand Lust hat, sich das dann anzutun – historische Kleidung bedeutet in dem Fall für die Soldaten und Offiziere: lange Unterhosen, Strümpfe, Hose aus Leinen oder (vorzugsweise) Wollstoff, Unterhemd, Hemd (hoher Kragen, Ärmel bis zu den Handgelenken), Weste, Jacke und unter Umständen zweite Jacke, Schal oder Halstuch. Die Damen haben es nur unwesentlich besser, auch Kleider sind bodenlang, Unterrock und Unterhemd müssen sein, etc. Wir Feldchirurgen haben es noch relativ gut getroffen, denn aufgrund unserer eher unsauberen Arbeit dürfen wir auch „in Hemdsärmeln“ (also ohne Jacke) und unter Umständen sogar nicht zurückgekrempelten Ärmeln arbeiten. Dafür tragen wir zum „amputieren“ dann schon mal Lederschürzen, die Dinger sind auch recht schwer. In jedem Fall: Kaum jemand möchte freiwillig unter so vielen Lagen Stoff bei über 35 Grad das Wochenende verbringen, und auch noch fast durchgängig aktiv sein dabei.

Und so finden eben nur die „runden“ Jubiläen wirklich im Sommer statt, während die „kleinen“ Jahrestage auf die kühlere Jahreszeit verschoben und eben im Voraus begangen oder nachgeholt werden. Wenn dann noch ein Veranstaltungsort mehrere Schlachten ausrichten muss oder möchte, und man für alle passende Termine finden muss… dann kann es schon mal passieren, dass man Badajoz eben auch mal in einer anderen Jahreszeit verteidigt, obwohl es im April eigentlich noch gar nicht so sehr heiß gewesen wäre. Da fand halt gerade was anderes statt.

Es ist auch eigentlich gar nicht so schlimm, dem ziemlich trüben Deutschland und nicht minder trüben Belgien mal ein Wochenende zu entkommen, denn in Spanien ist das Wetter noch ganz nett.

Badajoz liegt am Rio Guadiana in Extramadura, und wäre die Stadt ein winziges bisschen weiter Westlich, könnte man über die portugiesische Grenze spucken. Oder in anderen Worten: Der Flughafen von Badajoz ist deutlich weiter von Badajoz weg als Portugal. Nebenbei wird dieser ausschließlich von Madrid aus bedient, nur mit einer einzigen Fluglinie, und nur an Wochentagen. Nach längerem Hin und Her, abwägen von Zug oder Nicht-Zug oder doch tatsächlich Flug nach Portugal und dann Anreise von dort, entschieden wir uns schließlich für einen Flug nach Madrid und dafür, die letzten ca. 350 km dann per Mietwagen zurückzulegen.

Das ging soweit auch ganz gut. Flug ereignislos, wir flogen in zivil. Oft ist es so dass irgendjemand aus der Truppe die ganze Strecke mit dem Auto fährt, um größere Ausrüstungsteile wie Zelte usw. zu transportieren. Dort kann man dann die Kostüme mitgeben und sie sich vor Ort wieder abholen. Das hat seine Vorteile. Kann man das nämlich nicht, tut man gut dran, in vollem Kostüm zu fliegen, denn ein Verpacken und Flugzeugtaugliche Koffer/Taschen überlebt die Ausrüstung eher weniger. Das wiederum führt dann zu interessanten Situationen mit den Mitreisenden. Dazu aber ein Andermal.

Wir treffen also am späteren Freitagnachmittag in Badajoz ein, was in Spanien noch gar nicht so sehr spät ist – da die Spanier gerne Mittags etwas länger Pause machen und dann länger in den Abend aktiv sind. Hat auch was mit dem Wetter zu tun.

Da wir zu den Verteidigern gehören, haben wir nicht viel Arbeit. Die Briten und Portugiesen bauen vermutlich gerade ihr Lager vor der Stadt auf… Wir beziehen mal in aller Ruhe unser Quartier. Streng genommen sollte ich ja so rollenmäßig nicht mit meinem Mann zusammen untergebracht sein, aber hier nehmen wir es aus rein praktischen Gründen etwas weniger genau. Er: Chef unserer Truppe, und häufig noch Koordinator für mehrere andere Truppen – Ich: Habe einen „Nebenjob“ als Nachrichtenübermittler, Bote und in der Koordination mit unseren englischen Kollegen.

Unser Gepäck ist schon da, also verwandeln wir uns mal schnell in unsere Gegenstücke aus dem 19. Jahrhundert. Beim Abendessen mit den Koordinatoren der anderen Gruppen folgt die erste kurze Besprechung des Wochenendes. Zwei Schlachten am Samstag, Parade am späten Nachmittag, Sonntags noch Hochzeit, an der wir ausnahmsweise teilnehmen dürfen. Klar, Belagerung von Badajoz ohne nachfolgende Hochzeit geht nicht, auch wenn im Original bestimmt keine französischen Offiziere eingeladen waren. Wir bekommen die Pläne für die erste Samstagsschlacht, die nicht historisch korrekt ist sondern rein der Publikumsbelustigung dient, um uns diese in Ruhe anzuschauen und am Morgen noch letzte Fragen klären zu können. Die Headsets werden geprüft – Sehr anachronistisch tragen die höheren Offiziere nämlich meist einen Knopf im Ohr und ein Mikro am Kragen, um sich bei der Schlacht koordinieren zu können.

Dann löst sich die Versammlung auf, und wir lassen uns noch den Weg zum Stall beschreiben, wo wir tatsächlich noch jemanden antreffen, und unser Leihpferd in Empfang nehmen können. Da Leihpferde nicht in unendlich großer Menge zur Verfügung stehen, haben wir nur eines bekommen – für den Herren Offizier. Der Feldchirurg wird wohl zu Fuß unterwegs sein müssen.
Die nächsten zwei Stunden werden damit verbracht, das Sattelzeug zu prüfen, das Pferd zu striegeln, aufzusatteln und mal eine Runde probezureiten.
Fazit: Pferd soweit auf dem Platz zu beurteilen vollkommen OK. Laut Aussage des Stallpersonals auch an Schlachtenlärm gewöhnt. Ein bisschen lustig sieht es ja aus, da das Pferd etwas klein geraten ist für ihn, aber es macht nicht den Eindruck, als würde es seinen Reiter als unbillige Härte empfinden.

Der Freitagabend endet mit einem Bummel über den obligatorischen Markt, der die meisten Reenactments begleitet, der zu einem kurzen Meet and Greet mit Bekannten wird, die man immer mal wieder auf Veranstaltungen trifft. Aber wirklich nur kurz – denn spätestens um 6:30 ist für uns am Samstag die Nacht zu Ende, und etwas Schlaf sollten wir doch bekommen…

Manchmal frage ich mich beim Aufstehen schon, was mich abends geritten hat… wenn ich zum Beispiel um 2:30 aus dem Bett rolle, um in spätestens einer halben Stunde das Haus zu verlassen. Üblicherweise sitze ich zu der Zeit noch am PC und bin am arbeiten – am produktivsten bin ich schon immer nachts. Selbst einer meiner Kunden, der Ratgeber zu gesünderer Lebensführung schreibt und davon überzeugt ist, es gäbe nur sehr wenige Menschen, deren Biorhythmus auf Nachtaktivität ausgelegt ist, kam schließlich zu dem Schluss, dass ich wohl ein solcher sein müsse. Er sendet mir seither seine Aufträge grundsätzlich fünf Minuten, bevor er Feierabend macht, was zwar nett gemeint ist, aber für mich bedeutet, dass ich keine Rückfragen mehr stellen kann, bevor ich anfange. Wie war das mit dem gut gemeint?

In diesem Fall jedenfalls stehe ich nicht zum Arbeiten auf, sondern weil ich am Vortag aus irgendeinem Grund meinte, ich wollte meinen Mann zu einer Veranstaltung begleiten. Es war Frühling, so grob die Zeit um Pfingsten, und irgendein Veranstalter, der mich nur peripher interessierte, hatte eine Veranstaltung mit örtlichen Vereinen auf die Beine gestellt – im relativ wörtlichen Sinn, es sollte ein Umzug sein, der sich im Zickzack durch das Umland und die Dörfer der Gegend zog, und in allen Definition des Wortes ziemlich lang werden würde. Die vorgesehene Strecke – mit Pausen – hatte nach der Karte, die wir uns angeschaut hatten, über 30 km, und das Ganze sollte sehr früh starten. Genau genommen um 4 Uhr morgens mit einer Morgenandacht, zu der wir nicht zu gehen vorhatten.

Der Mann war bereits vor mir aus dem Bett gefallen – er braucht im Bad deutlich länger als ich. Der Wasserhahn war eher rücksichtslos und hatte die Lautstärke voll aufgedreht, ich wollte zurück ins Bett, und überhaupt…

Allerdings habe ich für mich eine Regel, und die besagt: Ich bleibe zu Hause und entziehe mich einer Situation wenn ich muss, da gibt es auch keine Diskussion und kein „um jemandem einen Gefallen zu tun“ – wenn ich andererseits aber die nur gerade normale Unlust verspüre, und das Problem in keiner Weise mit Overload oder Ähnlichem zu tun hat, dann sehe ich das nicht als Entschuldigung an – vor allem nicht, wenn ich bereits zugesagt hatte. Erwarte ich allerdings auch von anderen. „Versprochen ist versprochen“ hieß es bei uns, und bei mir ist „gesagt“ und „versprochen“ relativ bedeutungsgleich.

Nun, mein Mann würde kein Wort sagen, wenn ich einfach wieder ins Bett gehen würde, aber trotzdem – oder gerade darum – mache ich es nicht.

Ich bin halbwegs durch meinen ersten Kaffee, als er vollkommen wach in die Küche kommt. Er macht sich nicht die Mühe, irgendwas zu mir zu sagen, wofür ich dankbar bin. Er weiß, dass er gerade eh keine Antwort bekommen würde. Zum Glück brauche ich heute keine ausführliche Verkleidung – Ich werde nicht im Kostüm mitreiten sondern ganz normal schwarz in schwarz das „Gepäck“ transportieren – also alles, was man bei so einer Strecke dabei haben sollte, das aber nicht jeder einzeln irgendwie am Sattel tragen muss.

Den Herrn stört die frühe Stunde überhaupt nicht – der würde wahrscheinlich noch früher aufstehen, solang es bedeutet, dass er sich dann ins achtzehnte/neunzehnte Jahrhundert begeben darf. Heute etwas ungewöhnlich, weil der Veranstalter drum gebeten hatte, nicht im militärischen Aufzug aufzutauchen. Die Uniform bleibt heute also im Schrank, und der Straußenfedernhut muss auch zuhause bleiben.

Mein Lieblingspferd wundert sich etwas darüber, zu so nachtschlafender Zeit aus dem Stall geholt zu werden. Das Kuschelpferd vom Mann kennt solche Anwandlungen schon und wacht gerade weit genug auf, um auf dem Weg zum Hänger nicht zu stolpern – der ist zufrieden damit, wenn er beim verladen – und nachher beim ausladen – mal ausführlich geknuddelt wird.

Ich bin immerhin weit genug aufgewacht, um kurz zu überlegen ob wir nicht lieber unseren Ersatzschimmel mitnehmen sollten als mein Lieblingspferd – der Ersatzschimmel gehört einem Bekannten, der schon länger alles Interesse am Reiten verloren hat, aber sein Pferd nicht hergeben will. Daher hat er es uns als Zusatzpferd für unsere Veranstaltungen zur freien Verfügung gestellt. Mein Lieblingspferd ist relativ frisch gekauft, war noch nie auf einer Veranstaltung mit uns, und während ich relativ sicher bin, dass es sich benehmen wird, frage ich mich doch kurz, ob es nicht doch geschickter wäre… Naja, aber nun ist meiner ja schon verladen, und außerdem ist es vielleicht doch besser, ihn bei einer solchen Veranstaltung zu testen, und nicht im Reenactment zwischen Musketen, Kanonen und allgemeinem Chaos.

Allzu weit haben wir es nicht. Wir kommen gut und pünktlich an, finden unseren Parkplatz. Der Herr geht sich mal drum kümmern, dass wir angekündigt/angemeldet werden. Ich lade derweil die Pferde aus. Das Kuschelpferd wird mal kurz geknuddelt, das Lieblingspferd liegt wohl eher auf meiner Wellenlinie – der sieht aus, als würde er gleich im Stehen einschlafen und froh sein, wenn ihn gerade keiner anfasst. Die Meinung ändert er gleich, wenn ich die Bürste auspacke, aber für den Moment schweigen wir uns mal einfach nur an.

Ein Becher Kaffee taucht in meinem Blickfeld auf. Ich schaue auf, irgendjemand steht da, es ist nicht mein Mann, weiter komme ich nicht, denn das Gesicht sagt mir gar nichts. Am Kostüm erkenne ich gerade auch niemanden, wir tragen ja heute keine Uniformen … Der Becher ist anscheinend für mich gedacht, ich nehme ihn, sage Danke, weiß gerade auch gar nicht ob Französisch oder Niederländisch, im nächsten Moment könnte ich gar nicht mehr sagen in welcher Sprache ich mich jetzt eigentlich bedankt hatte…

Der Kaffee ist schwarz aber sehr belgisch, warum habe ich eigentlich keinen von zu Hause mitgenommen?

Die Veranstaltung sollte mit einer Morgenandacht beginnen, die sparen wir uns, stattdessen werden die Pferde mal ordentlich durchgestriegelt. Dabei wacht man auch auf. Der Rest unserer Truppe trudelt ein, an den Pferden erkenne ich dann auch etwa wer wer ist.

Es wird aufgesattelt, fast tut es mir leid, dass ich nicht wenigstens einen historischen Sattel für mein Pferd habe, das sollte definitiv die nächste Anschaffung sein. Das Lieblingspferd schaut sich angemessenes Benehmen beim Kuschelpferd ab, nur etwas weniger knuddelverrückt – ich bin ja immer noch der Überzeugung, da wurden zwei Persönlichkeiten vertauscht und irgendwo sitzt in einem Spielwarenladen ein Teddybär und versucht verzweifelt zu wiehern.

Neben den üblichen Teilnehmern haben sich tatsächlich ein paar eingefunden, die zwar zum Stall, nicht aber zu unserer Reenactmentgruppe gehören. Erkennt man an den eher improvisierten Kostümen und daran, dass sie eine rechte Unruhe in die Sache bringen. Warum die hier mitmachen wollen, verstehe ich nicht, aber wenn ich nachfrage, muss ich das nachfolgende Gespräch auch irgendwie rumbringen, also halte ich lieber den Mund. Was ich nie verstehen werde ist, warum man Pferde, die offenbar weder dafür ausgebildet noch dafür geeignet sind, auf solche oder ähnliche Veranstaltungen schleppen muss. Und nein, das ist nicht das gleiche, das ich mit meinem Pferd gemacht habe. Er ist verkehrssicher, er dreht bei Menschenmengen nicht durch, er geht gut in der Gruppe und er hat keine Angst vor flatternden oder bunten Dingern. Das Risiko ist für mich also durchaus überschaubar.

Dafür ist bei einem der Pferde im improvisierten Kostüm schon vom Zuschauen klar, dass das mal lieber zuhause geblieben wäre. Alles ist aufregend, und kein Mensch ist da, um mal einzugreifen. Ein Mädel – ich würde sie auf maximal 11 schätzen, aber ich bin schlecht im Schätzen und höre später, dass vierzehn sein soll – ist weit und breit die einzige Person, die versucht, dem Tier irgendwie die Trense ins Maul zu schieben. Was das Kind um die Uhrzeit hier verloren hat, frage ich mich auch…

Leider finden wir genau das kurz darauf heraus, weil sie in den Sattel klettert – was auch erst beim Wiederholungsversuch klappt, weil das Pferd nicht stehenbleibt. Die will jetzt nicht im Ernst mitreiten…?

Sie will. Ihr Pferd ist allerdings anderer Meinung, denn das läuft zuerst mal zielstrebig zurück in Richtung Hänger. Das mit dem umdrehen bekommt sie nicht so recht hin, das ganze wird etwas unschön, und das Kind landet schließlich im Dreck. Super. Erster Abwurf, bevor der Umzug angefangen hat. Ich hoffe, dass sie das Pferd jetzt wieder verlädt, und das ganze bleiben lässt – kein Mensch hat an einem solchen Tag Lust, ständig noch ein Auge auf jemanden zu halten der entweder nicht genug reiten kann, oder sein Pferd nicht unter Kontrolle hat, oder beides… Das hat jetzt mal ausnahmsweise nichts mit meiner Antipathie für Kinder zu tun.

Das wäre aber zu viel verlangt, sie will wieder aufsteigen. Das Pferd ist ihr ohnehin zwei Nummern zu groß, hat außerdem auch keine Lust, sie aufsteigen zu lassen. Pferd dreht sich im Kreis, Kind hopst mit einem Fuß im Steigbügel hinterher, irgendein Erwachsener nimmt das Pferd am Zügel und das Kind zieht sich in den Sattel. Pferd reißt den Kopf hoch, zieht dem Mann fast den Zügel aus der Hand… das wird so nichts.

Der helfende Mann lässt los, das Pferd macht kehrt und läuft davon. Klapp-klapp-klapp auf der Straße, das Kind hat nicht mal die Zügel in der Hand…

Mein Mann dreht sein Kuschelpferd, trabt hinterher und holt die beiden zurück.

Das Kind ist inzwischen am plärren, aber nicht weil das Pferd jetzt schon zweimal mir ihr durchgegangen ist, sondern weil er ihr gerade gesagt hat, dass sie so nicht mitreiten kann, und die Veranstaltung hier für sie endet. Als unser Koordinator ist mein Mann auch derjenige, der im Zweifel das Machtwort spricht. Der Vater des Kinds hat dazu jetzt auch einiges zu sagen, tut das sehr laut und erschreckt das Pferd damit, womit das Kind zum zweiten Mal an diesem Morgen den Boden küsst.

Sie WILL ABER mitreiten, sie hat sich SCHON SO LANG drauf gefreut, sie MUSS EINFACH…

Der Vater schimpft, das Kind heult, mein Mann erklärt, ich steige mal selbst auf um nachher nicht den Verkehr aufzuhalten, irgendwann muss die Andacht ja vorbei sein…

Und verpasse dabei dann fast, dass er seinerseits absteigt. Dass er nicht verhindern können wird, dass das Kind irgendwie mitreitet, war ihm an der Stelle wohl klar. Er wählt die irgendwie logische Lösung, drückt dem Mädel die Zügel seines Kuschelpferds in die Hand und nimmt das ihre stattdessen. Er ist anderthalb Köpfe großer als das Kind und kommt auch beim ersten Versuch in den Sattel, steigt dann sehr schnell nochmal ab, um sie Sporen abzuschnallen.

Das Kind kommt jetzt auch im ersten Versuch rauf, weil das Kuschelpferd weiß, wie die schwere Übung „Stillstehen“ funktioniert: Vier Hufe auf dem Boden und nicht rühren, bis der Mensch da oben richtig sitzt.

Das mit dem Reiten klappt aber immer noch nicht so super, denn Kuschelpferd ist zwar, wie eine Bekannte einmal  sagte, eine absolute Lebensversicherung für den Reiter, braucht aber schon irgendwie verständliche Anweisungen um zu wissen, was er tun soll. Er steht also erst mal etwas verwirrt da rum, merkt schließlich, dass er laufen soll… wohin ist er sich nicht so ganz sicher. Sein Mensch ist inzwischen davongeritten, um sein Reittier mal kurz etwas Dampf ablassen zu lassen, aber alles nicht so schlimm… es gibt ja noch die Frau von eigenen Menschen, und deren Lieblingspferd… da kann man sich ja mal anhängen.

Ich verdrehe die Augen, als mir klar wird, dass ich jetzt für den Rest des Tages einen Schatten haben werde – was natürlich sinnvoll ist, denn solange das Kuschelpferd mir nachläuft, bleibt das Kind zumindest aus dem Pulk der Reiter raus… als unverkleideter Gepäckträger reite ich etwas abseits hinter der Gruppe, was mir nur entgegenkommt. Theoretisch.

Einer aus unserer Truppe reitet sein Pferd neben meines, hält an, und schüttelt den Kopf. „Sag mal…“ fängt er in leicht lustig klingendem Niederländisch an, „…macht dir das gar nichts aus?“

Doch, will ich gerade antworten, natürlich macht mir das was aus, ich kann Kinder nicht ausstehen, und jetzt habe ich voraussichtlich den ganzen Tag über eines an der Backe…

Halb wundere ich mich noch, dass er das überhaupt weiß, und frage mich, ob es denn so offensichtlich ist… ganz wach genug um gleichzeitig zu denken und schnell zu antworten bin ich aber zum Glück noch nicht, denn er ist noch nicht fertig, und sein nächster Halbsatz macht dann klar, dass er gar nicht das Kind meinte:

„…so nach letztem Jahr?“

[Fortsetzung folgt]

Völkerschlacht und so – Leipzig im Oktober 2016

Irgendwann schaffte es der Verband Jahrfeier Völkerschlacht bei Leipzig 1813 einmal, eine funktionierende Großveranstaltung auf die Füße zu stellen. 2013, zur 200-Jahr-Feier. Davon hört man eher nur Gutes. Die Jahrfeiern werden schon länger organisiert, und man sollte meinen, die Herrschaften hätte Erfahrung.

Letztes Jahr war das Reenactment der Völkerschlacht in Leipzig ein einziges großes Chaos.

Wir entschieden uns daher in diesem Jahr gegen die Teilnahme als Darsteller, wollten aber als Zuschauer hin.

Der Tag fing verregnet an – Wellingtonwetter nennen wir das. „It always rains before my battles“. Es ist auch Völkerschlachtwetter, denn damals, am 18./19.10.1813, war es ebenfalls verregnet und kalt. Da sich keiner von uns im Nieselregen auflöst – glücklicherweise auch die geschichtsinteressierten Gäste nicht, die sich uns angeschlossen hatten und die sich mal die Sache mit dem Reenactment zeigen und erklären lassen wollten –, fanden wir uns dank Verkehr etwas später als geplant am Torhaus Dölitz ein, um erst mal unsere Karten abzuholen. Die hatte ich im Zinnfigurenmuseum hinterlegen lassen.

Kurze Begrüßung mit den Betreibern, oh ja, natürlich erinnern sie sich an uns. Jaja, sie wissen noch, dass sie mir letztes Jahr versprochen hatten, mir etwas Merchandise zu meinem Liebling zu besorgen. Ja, sie haben auch dran gedacht, wenn wir unseren Gästen erst mal das Museum zeigen wollen, hat er es aus dem Lager geholt, bis wir wieder zurück sind. Wow. Toller Start in den Tag, damit hatte ich absolute nicht gerechnet. Ich hatte zwar im Vorfeld schon überlegt, ihnen eine Erinnerungs-E-Mail zu schreiben, dann darauf verzichtet weil wir bis zuletzt nicht 100% sicher waren, ob wir überhaupt hingehen.

Das Zinnfigurenmuseum ist durchaus sehenswert. Wir kannten es nun schon von letztem Jahr. Wahnsinn, was man auf diesen winzigen Figuren an Details aufmalen kann. Die Zeit, die in die großen und kleinen Dioramas geflossen sein muss… na, ich will es mir so genau gar nicht vorstellen. Ich habe schon Probleme damit, die drei Zinnfiguren zu bemalen, die bei mir noch rumliegen.
Die Dioramas sind in Anbetracht der Größe erstaunlich übersichtlich, die größten lassen sich auf Knopfdruck mit „Special Effects“ versehen und haben beschriftete Knöpfe, um bestimmte Teile der Szenen zu beleuchten – es macht sowohl das Zurechtfinden als auch das Erklären um einiges einfacher.
Irritierend finde ich die Bezeichnung „Rundgang“, denn es ist doch eher ein „Man gehe bis zum Ende durch, mache dann kehrt und nehme denselben Weg wieder zurück. Letztes Jahr standen wir am Ende eine Weile rum und suchten, wo es weitergeht. Heuer konnten wir dann immerhin zwei anderen Besuchern versichern, dass sie jetzt wirklich wieder durch das komplette Museum zurückgehen müssten.
Der Eintritt ist wirklich nicht zu hoch gegriffen, mit 5€ normal und 2,50€ ermäßigt – Wer Karten für die Gefechtsdarstellung hat kommt auch zum halben Preis rein. Will man sich alle Dioramas genau anschauen und die Beschreibungen lesen und zuordnen, sollte man aber gut Zeit mitbringen. Ich bin ja pingelig, aber an der Beschriftung der Displays ist nicht viel auszusetzen. Ganz am Ende sind leider ein paar Schilder abgekratzt, aber allgemein ist der Informationsgehalt sehr gut – zumindest, wenn man sich für die dargestellten Orte und Handlungen interessiert. Zum Thema „Zinnfiguren“ erfährt man doch eher weniger, was mich jetzt nicht so sehr stört – ich finde Geschichte spannender als Zinngießerei.

Mit einer ersten Ladung an Einkäufen aus dem Museumsshop machten wir uns dann auf den Weg vom Bivouak der Allierten zu dem der Franzosen am anderen Torhaus. Da es von den Veranstaltern keiner für notwendig befindet, irgendwas auszuschildern – es gibt auch keine Schilder in der Stadt, geschweige denn an den Zufahrtsstraßen, die auf die Veranstaltung hinweisen – muss man aber schon wissen, wie man nun vom Torhaus Dölitz zum Torhaus Markkleeberg kommt. Letztes Jahr bin ich erst zweimal außenrum gelaufen, bis mir gesagt wurde, ich könnte auch quer durch den Park… naja, laut meinem Handy sind’s nur 200 Meter Unterschied. Wir nehmen die Route durch den Park. Ich erinnere mich daran, dass der letzte Streckenabschnitt letztes Jahr eine einzige Matschpfütze war, frage nach – kann man in diesem Jahr vielleicht auf der Straße durch? Ja, sagt der Herr am Kartenhäuschen (der Gefechtsplatz ist weiträumig abgesperrt, mit Buden zum Kartenkaufen an den drei Eingängen zu dem abgesperrten Bereich), Sie können ganz bis zur Straße und dann so weiter. Na gut. Einmal durch, unten nochmal nachgefragt, welcher Weg nun zur Straße führt. Die Damen dort wissen aber von nichts und sind ratlos. Geben eine vage Antwort. Wir gehen vage in die Richtung und stellen fest – Sackgasse. Die ist allerdings nur mit einigem Abstand in die andere Richtung als solche markiert, sodass wir das auch erst merken, nachdem wir am Ende angekommen sind. Was soll’s, man ist ja gut zu Fuß. Kommando zurück, alle Wege ausprobiert… schließlich Pokémon Go als Pfadfinger bemüht, und zu dem Schluss gekommen: Nee, keine Ahnung was der Herr meinte… der einzige gangbare Weg ist der von letztem Jahr. Durch den Matsch. Naja.

Matschig ist auch das französische Bivouak. Los ist (noch) nicht viel, also halten wir uns nicht lange auf und gehen weiter. Der Handwerkermarkt Torhaus ist wirklich sehr klein, die Nichtvegetarier unter uns können sich immerhin mal mit Bratwurst stärken. Wir kaufen Kunstdrucke und Spielzeug für die Neffen, und begeben uns dann ins Schloss Markkleeberg, um die Sammlerbörse zu begutachten.

Die ist nun deutlich ergiebiger als die dies letzten Jahres, die unpassenderweise eher auf 1./2. Weltkrieg fokussiert war. Einige Euro ärmer, dafür aber mehrere Lithos und Zeitschriften reicher ziehen wir weiter zum Völkerschlachtmuseum im Torhaus – und landen dank der fehlenden Beschilderung erst mal in der Autogrammstunde von Frau Sabine Ebert, wo wir, kaum dass wir in der Tür stehen, aufgefordert werden, reinzukommen und unsere Bücher auszupacken… Ah, äh, nein, nein, wir suchen das Museum. Das sei irgendwie die Treppe rauf, da müssten wir mal schauen. Immerhin habe ich es geschafft, der Frau nicht an den Kopf zu werfen, was ich schon seit letztem Jahr nicht von ihr halte… Einen weiteren Fehlversuch später haben wir dann endlich das Museum gefunden – zweimal die Treppe rauf, nicht durch den Raum der mit „Kasse“ beschriftet ist. Eintritt zwei Euro pro Person, mit Gefechtskarten die Hälfte… Mehr ist das Museum auch nicht wirklich wert, denn es handelt sich um drei Räume mit eher weniger Ausstellungsstücken, beschildert genausogut wie der Veranstaltungsort – nämlich gar nicht. Entweder, man weiß, was man anschaut, oder man wird es auch nicht erfahren. Immerhin bringen uns dieselben Eintrittskarten auch noch zu einem großen Diorama der Schlacht im anderen Gebäude, und dort immerhin gibt es Erklärungstafeln, Schlachtpläne und Beschriftungen. Gut, ganz umsonst war die Ausgabe dann doch nicht.

Inzwischen ist es ein Uhr durch, und wir tragen die Einkäufe zum Auto, um uns dann am Gefechtsplatz aufzustellen und auf die Schlacht zu warten. Wir sind doch etwas erstaunt, wie viele schon vor uns da sind, und bekommen erst mal scheinbar keinen zentralen Platz mehr – später stellt sich heraus, dass wir exakt vor der Schlacht stehen, und alle, die sich vorher vermeintlich mittig platziert hatten eher weniger zu sehen bekamen. Den Kommentator gibt wie letztes Jahr ein örtlicher Buchhändler und die erwähnte Sabine Ebert. Letztere fiel uns bereits letztes Jahr ob der Qualität ihres Kommentars negativ auf, die nämlich vor allem durch Abwesenheit glänzte.

Aber es geht immer noch schlimmer, vor allem wenn sich der Kommentator so richtig ins Zeug legt dafür. Das machte sie auch, und zwar vom ersten Satz an. „Guten Nachmittag, vielen Dank, vielen Dank auch für den Applaus“. Blöd nur dass kein Mensch applaudiert hatte. Ups?
Dinge, die ich gestern anhand von Frau Eberts Kommentar „gelernt“ habe:

  • Ägypten ist ein Land in Europa (oder zumindest: Ägypter = Europäer).
  • Belgien, Russland, Schweden, Tschechische Republik = „Alle oder zumindest die meisten Länder Europas“
  • Die Landessprache von Schweden ist Englisch. Oder vielleicht ist „Welcome to our friends from Sweden“ Schwedisch?
  • Die Baschkiren kamen aus Ägypten.
  • Ihr Ko-Kommentator hat einmal an der falschen Stelle gelacht (zumindest meinte sie, das dem Publikum so mitteilen zu müssen).

und natürlich ihr Lieblingsthema, wegen dem sie sie sich bereits im letzten Jahr in längeren Ergüssen ergehen musste:

  • Reenactments machen keinen Spaß und sind nichts, das man zur Unterhaltung genießen darf, es handelt sich vielmehr um ernste, tiefgründige Ereignisse zum Gedenken an die Toten der Schlacht. Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben…

Hätte ich noch mehr Gründe gebraucht, um Eberts Bücher nicht zu lesen, hätte sie mir gestern wieder massenweise welche geliefert. Die Menge an Fehlinformation, die diese Frau in 90 Minuten Kommentar packen kann, ist geradezu erstaunlich.

Nachdem wir uns also anderthalb Stunden lang abwechselnd das Augenrollen und das Lachen verkniffen haben – und dabei die Schlacht doch recht unterhaltsam fanden, auch wenn wir das laut Frau Ebert ja nicht durften (wir Rebellen!) – gab es noch einen schnellen Rundgang über das Gelände, bei dem wir feststellten, dass es tatsächlich nirgends etwas Substanzielleres zu Essen gab.

Ah ja… das hier anscheinend obligatorische durchgehende Pferd auf dem Schlachtfeld gab es natürlich auch wieder. Oder zumindest sah der Abgang vom Feld in vollem Galopp nicht besonders kontrolliert aus. Liebe Veranstalter, Pferde sind bitte vor der Veranstaltung an Musketen und Kanonen zu gewöhnen. Würde sich bei uns ein Pferd im Feld so aufführen, würden wir es aus Sicherheitsgründen vom Platz schicken.

Apropos Pferde: Auch der Herr, der sein Pferd neben dem Weg geparkt hatte, an dem die Kanonen beim Aufräumen vorbei mussten… das Pferd, das jedes Mal anfing durchzudrehen, wenn eine Kanone, oder ein bunt Uniformierter, oder eine größere Gruppe Besucher, vorbeikam, und der die Bedenken eines anderen Teilnehmers abtat mit „Nein, nein, er [= das Pferd] muss sich dran gewöhnen“ hatte irgendwas noch nicht verstanden. Die Aussage an sich ist ja richtig, aber doch bitte nicht mitten auf der Veranstaltung. Nicht neben einem Weg, den die ganze Besucherhorde in Richtung Bivouak nimmt. Bitte!

 *

Für uns war die Veranstaltung für den Tag vorbei, und wir fuhren in die Leipziger Innenstadt, um uns eine Pizzeria zu suchen.

Erster Versuch: Ciao Bella. Es ist voll. Sehr voll. Sehr klein und sehr voll. Schlechte Kombi. Aber Pizza. Und Hunger. Die Frau Kellnerin meint, ein Tisch würde gleich frei, und wir sollten doch fünf Minuten „vorne warten“, sie würde dann nur schnell den Tisch abwischen und uns herrufen, er wäre für uns reserviert. Okay. Wir warten also. Fünf Minuten. Zehn. Fünfzehn. Der Tisch ist inzwischen frei, aber keiner macht Anstalten irgendwas damit zu tun, geschweige denn, uns mal wieder reinzulassen. Fünfundzwanzig Minuten. Die Dame kommt. Jetzt dürfen wir. Wir setzen uns, konsultieren die Karte. Warten. Fünf Minuten, zehn, fünfzehn. Ich sitze mit dem Rücken zum Raum und fühlte mich etwas gestresst. Selbst schuld, warum hab ich nicht die Bank genommen? Kellner drängelt sich hinter mir durch und blafft mir ins Ohr: „Das ist aber mit Wartezeit! Und Pizza gibt’s auch nicht, nur Pasta!“. Bitte was? Es ist fast eine dreiviertel Stunde vergangen, seit wir angekommen sind, und am Tonfall muss der Herr auch noch feilen. Dringend. Wenn sogar ich es ohne Übersetzer oder dezenten Hinweis vom Nebenmann mitbekomme… .

Wir stehen auf und verlassen das Restaurant. Nächster Stopp: Pizza Hut. Kaum sind wir durch die Tür, steht ein Kellner vor uns, und fragt doch tatsächlich was für einen Tisch wir gerne hätten. Wir nehmen uns eine schöne ruhige Nische, weit aus dem Weg… irgendwie habe ich es geschafft, mein gesamtes Leben, an das ich mich bewusst erinnern kann, nicht ein einziges Mal einen Pizza Hut von innen gesehen zu haben. Und das bei mir Pizzaliebhaber! Die Ruhe in unserer Ecke tut gut, die Karte erstaunt mich. Dass sie gerade meine Marke Bitter Lemon führen schadet nicht. Der Käsefanatiker in mir freut sich über die Käs-igste Pizzavariante der Cheese Lover Pizza, obwohl es auch hier gut voll ist, werden wir zügig bedient. Das Essen ist hervorragend. Der Kellner sehr zuvorkommend. Zügig auch als ich die Rechnung verlange. Dafür gibt’s auch etwas mehr Trinkgeld, das hat er sich verdient. Wir lassen den Abend noch mit einem kleinen Spaziergang durch Leipzig ausklingen und geben dabei für unsere Gäste witzige Anekdoten aus dem 19. Jahrhundert zum Besten.

Fazit: Sabine Ebert ist weder Wein noch Whiskey und wird daher mit zunehmendem Alter auch nicht besser, und die Völkerschlacht-Organisatoren müssten dringend mal das mit der Beschilderung lernen. Aber die Gesellschaft war sehr nett und das Essen am Ende noch hervorragend. Nächstes Jahr wieder? Mal schauen. Wenn, dann wieder nur als Zuschauer.

Ohne Handschuhe

Meine Hände sehen gerade irgendwie aus, als hätte ich mit einem Kaktus gekämpft. Oder seit 5:30 heute Morgen geholfen, ein historisches Feldlager aufzubauen. Auf schlecht vorbereitetem Gelände, nach einer Trockenzeit, die gerade lange genug war, um diverses Gestrüpp waffenfähig zu machen – und ohne Handschuhe.

Zieh doch Handschuhe an – gehört in mindestens fünf Sprachen.
Hilft nichts, die Handschuhe bleiben, wo sie sind – in den Gürtel gesteckt. Ich kann mit Handschuhen nicht arbeiten. Irgendwas an den Händen, gerade fest genug um nicht runterzufallen, lose genug um sich ständig zu bewegen, wechselnder Kontakt, ständig Stimulation durch den Stoff – geht nicht. Ich soll ja auch noch was arbeiten, und nicht nur dastehen und verzweifelt mit den Händen wedeln.

Gummi- oder Plastikhandschuhe gehen übrigens noch weniger. Alles, was glatt und untexturiert ist, ertrage ich nur sehr kurz auf der Haut. Ich kenne Leute, die reagieren auf das Geräusch von quietschendem Styropor mit Brechreiz. Mit geht das mit Gummi-/Plastikhandschuhen ähnlich…

Also zerkratze ich mir eben bei der Arbeit die Hände.

Was daran noch etwas schwerer zu erklären ist: Es stört mich nicht.

Gut, mein Schmerzempfinden ist etwas seltsam – in manchen Körperregionen gar nicht vorhanden, in anderen verzögert, und wohl allgemein etwas geringer als im Durchschnitt.

Diese kleinen Schnitte und Kratzer an den Händen spüre ich teilweise schon (zum andern Teil nehme ich sie als das genaue Gegenteil wahr – als absolut gefühllose Stellen). Es stört mich nur nicht.

Schmerz ist bei weitem nicht das unangenehmste Gefühl, das der Körper produzieren kann. Jucken, zum Beispiel, ist deutlich unangenehmer. Sonst würden wir es ja nicht mit Schmerz überlagern (Kratzen macht genau das).

Das Gefühl, das sich bei mir einstellt, wenn ich bestimmte Texturen – oder eher fehlende Texturen – berühre ist für mich noch unangenehmer. Je mehr jetzt die im Lauf des Tages angesammelten Kratzer und Minischnitte zwischen mir und der Textur stehen, desto weniger muss ich darüber nachdenken, was ich wie lange in der Hand halten muss.

Nach dem Wochenende werde ich dann noch ein oder zwei Tage haben, in denen ich vielleicht mal alle die Sachen in Angriff nehmen sollte, die ich vor mir herschiebe, weil sich das unangenehme Gefühl dabei nicht umgehen lässt…