Love on the Spectrum
Prämisse: Datingshow mit Autisten
(Gesehen: Original-Ton Englisch – Ich habe in die deutsche Synchro reingeschaut und festgestellt, dass dort die Texte teilweise gewaltig (~ um bis zu 2/3 – d.h., es ist stellenweise nur noch ca. 1/3 die Inhalte des O-Ton-Inhalts vorhanden) gekürzt sind. Wer also nur die Deutsche gesehen hat und nicht weiß, von was ich rede… könnte daran liegen.)
Zuerst möchte ich folgendes festhalten: Auch das sogenannte Reality-TV, selbst wenn es unter „unscripted“ läuft, ist nie vollkommen ungescripted. Das unterscheidet Reality-TV von Dokumentationsfilmen. Es beginnt damit, dass die Teilnehmer nach Kriterien ausgewählt werden, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen.
Dann bekommen sie teilweise vorgegeben, welche Eigenschaften sie zu haben / herauszustellen / zu nutzen haben und was nicht auftauchen soll, wie sie sich verhalten sollen usw.
Drittens gibt es mindestens ein Rahmenwerk, an dem sich die Episoden orientieren. Ohne dieses wäre eine immerhin oberflächlich schlüssige Produktion nicht möglich, das Risiko, dass die „interessanten“ Stellen nicht entweder gleichmäßig oder einem bestimmten Bogen folgend verteilbar wären zu hoch, das Ergebnis nicht spannend genug, etc. Ebenso ist es möglich, dass tatsächlich die Texte vorgegeben werden.
Wir können also davon ausgehen, dass uns Love on the Spectrum ebenso wie andere Programme dieser Art genau das zeigt, was die Produzenten uns zeigen wollen.
Die „Love on the Spectrum“ Serie, die bei uns läuft, ist die US-Produktion (das Original kam aus Australien).
Ist das relevant?
Ja. Beim Vergleich der beiden Fassungen wird nämlich genau das zielgruppenspezifische Produktionsformat relativ deutlich, und schon klar, dass alleine die Auswahl der Lebenswirklichkeiten sehr gezielt war. Wer erwartet, dass hier ein realistischer Querschnitt zu sehen wäre, wird enttäuscht.
Ich habe hier tatsächlich versucht, Kontakt zu jemandem aus der Produktion herzustellen, was aus Zeit-/Auslastungsgründen leider (noch) nicht funktioniert hat. Die Annahme bleibt also; Standard-Reality. Es soll ungescriptet wirken, ist es aber nicht.
Die US-Fassung wird u.a. von Autism Speaks gelobt, was mir direkt ein autistisches Schaudern über den sprichwörtlichen Rücken laufen lässt, und die Erwartungen massiv senkt.
Weiter muss ich festhalten, dass die Auswahl tatsächlich autistischer Darsteller, wenn man solche wirklich für den Dreh möchte, begrenzt ist: Filmproduktionen sind sensorisch aufwändig, ungeschminkt kann man nicht vor die Kamera – selbst um ungeschminkt auszusehen, kommt man nicht drum rum, denn zwischen Scheinwerferlicht, Aufnahmeeffekten usw. sähe das Ergebnis alles andere als „normal“ aus. Es ist laut, es ist wuselig, wenn in Privaträumen gefilmt wird, kommen Fremde nach Hause, bauen ihr Zeug auf, werfen alles durcheinander, Routinen werden ge- und zerstört, und dann soll man in der Situation neue Menschen kennenlernen und mit denen sinnvoll irgendwas machen, statt erst mal nur auszugleichen? Genau. Es kommt also nur ein ganze bestimmtes Subset der autistischen Bevölkerung überhaupt in Frage, nämlich das, das all das aushält.
Zu den Inhalten: Klar – die meisten der dargestellten Verhaltensweisen existieren und kommen bei Autisten (häufiger als in der Gesamtbevölkerung) vor. Die Darstellung wie gezeigt ist jedoch recht übertrieben/überspitzt. Es gibt nur „on“ und „off“, kaum bis keine Graduierung. Ich erinnere an den Artikel „Spectrum doesn’t mean what you think“. (https://neuroclastic.com/its-a-spectrum-doesnt-mean-what-you-think/)
Insofern als unterschiedliche mögliche Punkte für die unterschiedlichen Personen genommen werden, ist die Serie ja ganz nett. Nur bedeutet es halt auch nicht, dass jedes vorliegende Element quasi unverdünnt in voller Blüte vorliegen muss, wie es hier durchweg der Fall scheint.
Und mal ehrlich: Wie viele von uns schaffen es, SO viele Autismusklischees in fünf bis sieben Minuten zu packen, wie die Herrschaften hier in der Serie? Und genau das wird hier zum Problem … während jedes einzelne Element durchaus Sinn gibt, ist die Häufung zwar produktionstechnisch notwendig, weil man sonst nur einfach eine X-beliebige Datingshow hätte, weckt aber beim mit Vorwissen relativ unbelasteten Zuschauer einfach verquere Erwartungen daran, wie Autisten so sind.
Die aktuelle Staffel ist die dritte, und dort beginnt Folge 1 damit, dass einzelne Teilnehmer über ihren perfekten Partner sprechen; danach gibt es wohl Ausschnitte aus dem Dating-Verlauf. Diese wurden natürlich gezielt von der Produktion ausgewählt, und die Produktion hat bei der Auswahl relativ klar ein Thema verfolgt: Autisten verhalten sich auffällig, in einer Weise, die irgendwo zwischen Fremdschämen und Comic Relief angesiedelt ist. Vor allem männliche Autisten, denn die Frauen kommen hier marginal besser weg. Küsse zwischen Autisten sind ungeschickt und der obligatorische Einwurf eines älteren Verwandten: „Der heiratet nie“ fehlt auch nicht.
Nicht feststellen konnte ich übrigens, ob die Wahl von rot und blau für das Logo der Serie Absicht war (Blau = Autism-Speaks-Farbe, „Red instead“ = von vielen Autisten in Protest gegen Autism Speaks verwendete Farbe. *Wenn* hier Absicht dahinterstecken sollte, bietet der rote Text auf blauem Grund echt interessante Interpretationsansätze.)
Ein Punkt, der mir durch die erste Folge hinweg immer wieder auffällt und negativ aufstößt, ist, dass die männlichen Protagonisten hier immer wieder etwas in Richtung „creepy“ gehen, wenn sie über ihre Beziehungsvorstellungen sprechen, und bis auf einen offenbar Waffen sammeln, während die Frau als „kindlich“ dargestellt wird und Puppen sammelt.
Sind die Figuren in der Serie als Autisten kenntlich? Ja. Jede*r einzelne davon. Es ist überdeutlich, jede einzelne autistische Figur bewegt sich mindestens an der Grenze zur Karikatur, wenn sie diese nicht schon überschritten hat.
- Karikatur: „Zeichnung o. Ä., die durch satirische Hervorhebung bestimmter charakteristischer Züge eine Person, eine Sache oder ein Geschehen der Lächerlichkeit preisgibt.“
Alles in Allem: Sicher ist es auch bei „Standard-Datingserien“ so, dass die dargestellten Personen nicht gerade der Bevölkerungsdurchschnitt, sondern eher in der einen oder anderen Richtung auffallend „extrem“ sind. Was wir hier sehen – zwangsweise, denn es muss ja im begrenzten Zeitraum, der verfügbar ist, erkennbar sein, ist eine überzeichnete Darstellung, die karikaturenhafte Züge annimmt. Und ja: Würde es so verkauft, und könnte ich mich drauf verlassen, dass es so verstanden wird, ich fände zumindest Teile davon unter diesem Gesichtspunkt tatsächlich lustig und unterhaltsam. Was mich daran sehr hindert ist das Wissen, dass der Großteil der Zuschauer diesen Aspekt nicht verstehen (wollen) wird, und ich im Kontakt mit anderen Menschen gegen diese überzeichnete Vorstellung von Autisten anarbeiten muss.
Ich muss hier an den Spruch denken: Jede Bevölkerungsgruppe hat das Recht, das Ziel von Witzen zu sein. Grundsätzlich nicht falsch. Nur – die Frage ist immer: Wer lacht? Wie sieht die Machtbilanz aus? Wäre „Love on the Spectrum“ eine Serie, die für Autisten produziert wird, eine Serie, in der sich Autisten über Autisten lustig machen, ich würde sie witzig finden. Ist sie aber nicht. Es ist eine Serie, in der Autisten für die Unterhaltung der neurotypischen Bevölkerung in eine Extremform herunter destilliert und dann wie eine moderne Sideshow/Freakshow in ihrer autistischen Art öffentlich ausgestellt werden.