Da war sie nun wieder … unsere jährliche Reise mit einer Gruppe AS/nicht-AS-Mischpaaren (wir haben uns darauf geeinigt, nicht „NT“ zu sagen), zum Theaterspielen und Spaßhaben. Thema wie letztes Jahr bereits: Game of Thrones.

Aus planungstechnischen Gründen ergab es sich so, dass mein Mann und ich getrennt anreisten – ich aus Bayern, er aus Belgien.

Am Flughafen sorgte dann die Security für den ersten Lacher – ich bin ja nun bekannterweise begeistert von den Shadowhunters, und hatte zum Geburtstag ein kuscheliges Hoodie mit der Aufschrift „University of Idris“ bekommen – das ich tatsächlich trage, denn offenbar funktioniert das Prinzip heute noch genauso gut wie vor 30 Jahren…

Ich habe einen Mehrzweckstift, der mir in der Sicherheitskontrolle schon mehrfach zu Diskussionen geführt hat, weil er versteckte Werkzeuge enthält. Ich nehme ihn daher vor der Kontrolle aus der Tasche und gebe ihn separat ab, mit der Anmerkung, dass es sich dabei eben um ein Mehrzweckgerät handelt, und nicht nur um einen Stift, und dass er deswegen in der Kontrolle auffallen wird. Bei Bedarf mache ich ihn dann auch auf. Hier, Kommentar der Dame in der Kontrolle mit Blick auf mein Hoodie: „Netter Glamour auf Ihrer Stele.“

Also mit einem kleinen Grinsen weiter, mir dann ein ruhiges Eckchen in der Lounge gesucht und noch ein bisschen gearbeitet, bis der Flieger endlich da war… denn der ließ sich etwas Zeit.

Im ausgebuchten Flugzeug war ich dann umso froher, dass ich Business fliege, wo ich auch so Platz für mich und meine Ruhe habe…

Durch die Verspätung des Flugzeugs war ich dann mal wieder die letzte, die in London ankam – das scheint so ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, wenn wir getrennt fliegen, egal, wann die Flüge eigentlich gehen…

Ein Abend nett mit unseren Londoner Freunden, und am nächsten Morgen dann ab zum Veranstaltungsort – dem ehemaligen Kloster, in dem wir letztes Jahr schon waren.

Nach einem kleinen Hänger an der Raststätte – Großbritannien tauscht immer mal wieder die Geldscheine aus, und die alten werden dann tatsächlich nicht mehr angenommen. Da wir im letzten Jahr nur einmal aus anderen Gründen als für Auktionen „drüben“ waren, habe ich seit März ’17 nicht mehr anders als mit Kreditkarte bezahlt, und es kam erst mal zu einer etwas anstrengenden Situation mit der Subway’s-Verkäuferin als die mir erklärte, dass unsere 5-Pfund-Scheine nicht mehr gelten… naja, die 10-Pfund-Scheine nahm sie zum Glück.

Pünktlich kamen wir dann an. Der Ankunftsabend war dieses Mal absichtlich locker organisiert, weil einige erst später anreisen konnten.

Was mir in dieser Gruppe immer wieder gefällt, ist die zügige und funktionierende Organisation. Beispiel Lebensmittellieferung: Wer frische Luft will, geht raus um die Taschen ins Haus zu tragen, wer helfen will aber entweder nicht vor die Tür oder keine Schuhe anziehen möchte, trägt das Zeug die Treppen rauf oder räumt die Kühlschränke ein (einer mit Gemeinschaftsware, einer mit bestellten Sachen, die mit Name versehen sind), und wer nicht mithilft, bleibt aus dem Weg und stört nicht.

In dieser Art läuft dann auch das komplette Wochenende.

Zum Abendessen waren dann schon fast alle anwesend, und der Rest kam dann auch zeitnah – wenn auch mit leichten GPS-Problemen (Zitat: „Der Parkplatz hat sich als Schwimmbad getarnt!“)

Nach kurzer Koordination zu den seltsamen Platzierungen mancher Schaltelemente im Haus („Das hier ist unser Schlafzimmer. Manchmal gehen wir vor anderen Leuten ins Bett. Das hier ist der Lichtschalter für unser Schlafzimmer. Der sieht aus, als wäre er der Lichtschalter fürs Klo. Wenn ihr da drauf drückt, geht das Licht in unserem Schlafzimmer an und aus. Das im Klo nicht. Das im Heizungsraum auch nicht. Um 18 Uhr ist das noch witzig, aber um zwei Uhr nachts nervt es.“) wurden dann die Manuskripte und Rollenpläne für die Theaterrunden verteilt („Here’s some paper with all your parts on it“- „What, an anatomy text book?“ – leider nicht gut übersetzbar)

Der Abend ging dann in allgemeines Zusammensitzen mit Einzelaktivitäten über: Die einen lernten ihren Text, einer lernte lieber Finnisch, einige zogen Handarbeiten raus, der Anwalt bereitete seinen nächsten Fall vor, ich war am Übersetzen, einer beschloss, den Wein zu sortieren, etc.

Unterbrochen wurde das Ganze dann nur von gelegentlichen Kommentaren (A: *liest Zeile aus dem Script vor* – B: „Willst du das mit dem Akzent spielen?“ A: „Nö. Ist dein Text.“ Oder beim Text markieren: A: „Ich find‘ meinen Textmarker nicht.“ B: „Macht nichts, wir haben kommunistische Textmarker.“)

Im Lauf des Abends kamen wir auf den Gedanken, die Requisiten schon mal auszupacken; Da saß dann der Plüschbär mit geladener Armbrust auf dem Tisch (Stichwort: „The right to arm bears“), bis sich eine halbe Stunde später der Schuss löste, und beschlossen wurde, Bären seien gefährliche Tiere. Allgemein sind wir mit den Requisiten relativ flexibel… („Ich hab‘ ’ne Ente dabei, falls keiner einen Raben mitbringt.“)

An dem Abend waren dann alle gegen Mitternacht im Bett, Anreise und Aufbau strengen doch etwas an…

Freitagmorgen begann damit, dass die Sportfans zusammen Laufen und/oder Schwimmen gingen, während der Rest in Ruhe nach persönlichem Vorzug die Zeit zum Frühstücken nutzte oder noch ein bisschen im Bett blieb.

Die erste Theatersession des Tags begann mit der Suche nach einer noch fehlenden Requisite: einem Kissenbezug. („Wenn wir einen rosa Bezug und einen gelben Bezug übrig haben, wollen wir den rosafarbenen, oder?“ – „Klar, wenn wir albern sind, können wir auch gleich lächerlich werden.“ – „Was machen wir damit?“ – „Ich ziehe ihn mir über den Kopf. Oder genauer gesagt: jemand anders stülpt ihn mir über den Kopf.“ – „Und das wird mit Sicherheit dazu führen, dass er seinen Text besonders gut lesen kann…“ Ja doch… Ironie beherrschen wir.)

Auch ein Satz, den es vermutlich nur bei Versammlungen mit 50% Autistenanteil gibt: „Du isst ja Frühstücksessen zu Mittag! Hast du das auch ins Formular eingetragen?“ (Das Formular, mit dem wir vor dem Retreat angegeben haben, was wir an Lebensmitteln usw. wollten/brauchten)

Abends fanden wir dann raus, dass die Sauna nicht funktionieren wollte. Normalerweise wirft man Münzen ein und sie heizt auf. Auf der Suche nach dem Fehler trafen wir auf einen Schalter… Testweise gedrückt, und es ging. Dann stellte sich raus, wir hatten den Überbrückungsschalter für das Münzgerät gefunden. Naja, geht auch. Geht sogar noch besser.

Musikalischer Abend war auch nicht schlecht… Wir hatten mehrere Flöten, eine Gitarre, ein Cello, einen Profisänger und diverse semiprofessionelle und Amateursänger dabei. Auch einen Pianisten, aber leider kein Piano.

Unbeschadet kleinerer Probleme bei der Textfindung („Kann ich dein Liederbuch haben?“ – „Wo ist dein eigenes?“ – „Hab ich M. geliehen.“) und zweifelhafter Komplimente („Du singst echt toll, aber noch schöner wäre es, wenn du am Anfang auch mal den richtigen Ton treffen würdest.“) sowie nur bedingt hilfreicher Anweisungen an die Gitarre („Ich hab‘ keine Akkorde“ – „Spiel F-Dur, das geht schon.“) war das ganze eigentlich ganz nett und auch gut anzuhören. Aufnahmen gibt es, werde ich aber nicht hochladen.

Etwa in dieser Art ging es dann das Wochenende über weiter. Da zwischenzeitlich der Wein ausging, kippte „Joffrey“ bei seiner Hochzeit „Tyrion“ dann statt eines Krugs Wein eine Flasche Bier über den Kopf (merke: Bier ist deutlich klebriger als Wein.)

Aussage in ähnlichem Zusammenhang: „Ich werde dir kein Glas Wasser über den Kopf kippen. Ich drehe das Glas nur um. Was das Wasser macht, geht mich nichts an.“

Nächstes Mal sollten wir wohl versuchen, die Anweisungen für Duelle immer auf EINER Seite der Scripte stehe zu haben – um Unterbrechungen der Art „Stopp! Stopp! Ich muss umblättern damit ich weiß, wann ich sterbe!“ zu verringern.

Der Samstag lief dann im Grund wie der Freitag, zwischenrein mit faszinierenden Gesprächen zu Themen wie echten Psychopathen in Film, Fernsehen und Literatur (nicht im Krimi-Sinn, sondern im psychiatrischen), einer improvisierten interaktiven Verbrechensaufklärung (weil wir plötzlich Lust auf Krimi hatten), mehr Theater, Spekulationen, wie es in Game of Thrones weitergehen wird, und der Frage, wann wir als Gruppe den Gipfel der Albernheit erreicht haben würden (A. „Etwa morgen um diese Zeit.“ – B: „In 20 Minuten oder so.“ – C: „Das sind jetzt aber arg unterschiedliche Zeiträume.“ B: „Ich wollte ja auch, dass du fragst, wann die Sauna warm ist.“)

Der Sonntag stand dann zuerst im Zeichen der Frage, ob genug Halloumi da ist („Wir machen das ganz einfach: Wir schneiden den Halloumi in der Mitte durch, und der, der zuerst sagt, nein, nein, der andere kann den Halloumi haben, ist die echte Mutter des Halloumi!“); Vormittags hatten wir keine geplanten Aktivitäten, damit alle, die in die Kirche wollten, in die Kirche gehen konnten, sodass ich nochmal gut Arbeit unterbringen konnte.

Nach dem großen Sonntagsbrunch waren zwei Autisten zum Aufräumen eingeteilt, und hatten damit die einmalige Gelegenheit, zu beweisen, dass die Organisation so hervorragend klappt (nach fünfzehn Minuten Arbeit schaute jemand in die fast saubere Küche und meinte ehrfürchtig: „Wow. Das sieht hier ja erstaunlich unter Kontrolle aus!“) – auch, wenn immer mal wieder jemand vorbei kommt und noch mehr Geschirr abliefert („Kann ich die Tasse irgendwo hinstellen, wo sie nur gering bis mäßig stört?“)

Das Gottesurteil Oberyn Martell/Gregor Clegane verlangte dann auch nochmal etwas Organisation („Warum nimmst du die Bogensehne ab?“ – „Ich nehme den Bogen als Speer, wir haben nichts Speerähnlicheres…“ – „Kein Wunder, dass du den Kampf verlierst.“) und strategische Entscheidungen („Ich tausche schnell meine Brille gegen Kontaktlinsen, weil du mir sonst die Augen nicht ausstechen kannst.“ – nein, es gab KEINE Verletzten!)

Dann war da noch… das periodische Klingeln einer Gabel am Glas („Versuchst du gerade, eine Rede anzukündigen, oder klimperst du nur?“ –“Ich klimpere bloß. Ich hab‘ zufällig was gefunden, das ein schönes Geräusch macht.“)

Nachdem Person A versucht hat, meinem Mann etwas Flötespielen beizubringen: „Habt ihr gerade versucht, rauszufinden, in welchem Tempo man Mairie’s Wedding spielt?“ – „Nö, das ist ein bisschen schneller als das, was wir gespielt haben. “ – „Wenn du sagst ‚ein bisschen schneller‘ meinst du ’sehr viel schneller‘, oder?“

Die im Zusammenhang vollkommen sinnvolle Aussage: „Du musst ein weiteres T-Shirt anziehen, weil wir dir ein Pferd hinten reinstecken müssen.“

„Ich fand’s etwas überraschend, dass eine Ente einen Raben spielt.“ – „Die Ente war eine Krähe.“ – „Ah, das ist was anderes.“

Plötzlich abgängige Requisiten und Körperteile („Okay, wir suchen also: ein von S. gewebtes Lesezeichen, einen roten Beutel mit Pfundmünzen und eine abgeschlagene Hand.“)

Entscheidungsfindungsprobleme der Art: „Ich habe keine Ahnung, mit welchem Akzent ich das spielen soll. Ich meine, er soll schlau und verschlagen klingen, aber wo liegt das bitte geographisch?“

„Wenn wir ‚Helm‘ sagen, meinen wir doch ‚Eimer‘?“

„Haben wir ’ne Axt?“ – „Ja, da drüben…warte…hast du Axt oder Arsch gesagt?“

„Meine Liebe, wir sind seit neun Jahren verheiratet. Du wirst dich eventuell daran erinnern, dass ich damals deinen Namen angenommen habe. Kannst du bitte aufhören, in Emails meinen alten Namen zu benutzen?“

„Primzahlen sind ekelhaft.“

Zum Spruch des Wochenendes gekürt wurde dann die todernste Aussage eines Teilnehmers: „Ich war ein ziemlich komisches Kind.“ (Angesichts der Gesellschaft … sorgte das für extreme Erheiterung)

Nächstes Jahr wieder, dann aber mit mehr Runden Organ Attack, das Spiel ist cool.

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6 Gedanken zu “Fahren neun Autisten und neun Nichtautisten zusammen in Urlaub…

  1. Das muss wirklich toll gewesen sein. Ich musste auch lächeln beim lesen. Manche Sätze sind einfach nicht mehr fremd für mich und doch würden mir nie solche Gedanken kommen (oh, der Satz ist jetzt auch verdreht, verstehst Du was ich meine?)
    Tolle Aktion die Ihr da durchgezogen habt.
    Ich wünsch Dir eine schöne Zeit
    herzliche Grüsse
    Elisabeth

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