Als Kind war meine Hauptbezugsperson neben meiner Mutter mein Opa. Der Vater meiner Mutter. Das ging soweit, dass die Kindergärtnerin es verwirrt kommentierte. Was anderen Kindern der Vater war mir eben mein Opa. Dabei hatte ich einen sehr jungen Opa. In der Tat ist der Altersunterschied zwischen mir und meinem Opa geringer als der zwischen meinem jüngsten Bruder und unserem Vater. Mein Opa wäre jederzeit als mein Papa durchgegangen.

Allerdings war wohl einer der ersten Sätze, die ich auch außerhalb der Familie gesprochen habe (man mag es heute kaum mehr glauben, aber ich war als kleines Kind teils recht schwer dazu zu bewegen, außerhalb des direkten Familienkreises zu sprechen): „Aber das ist doch der OPA!“ (wenn ihn jemand als meinen Vater bezeichnete).

Die Ferien und viele Wochenenden verbrachten wir bei den Großeltern. Entweder zusammen mit unseren Eltern oder ohne. Es war der einzige Ort, an dem ich damals außerhalb des Elternhauses schlafen wollte/konnte.

Ging es darum, dass meine Mutter nicht in der Lage war, mich irgendwo hinzubringen oder abzuholen, oder dass sie Abends oder Nachts einige Stunden außer Haus war, war es undenkbar, stattdessen meinen Vater einzusetzen. Es musste der Opa her. Und Opa kam, aus 200 km Entfernung (damals wohnten wir etwas weiter weg).

In den Ferien, an den Wochenenden, waren wir viel unterwegs. Alleine, draußen, still Tiere beobachten. Er brachte mir Fährtenlesen bei, Vögel zu erkennen und Rufe zu imitieren, Fisch- und Hasenfallen bauen (ohne Gerätschaften mitzunehmen, nur mit dem, was die Natur hergibt), Fischen mit der Hand. Was man im Wald draußen essen kann und was man auf keinen Fall in den Mund stecken sollte; wo man welche Pilze findet, und wie man sie zubereiten muss; welche Kräuter man draußen kennen und erkennen sollte; Navigieren im Wald. ich kann sagen, dass ich recht zuverlässig in einem Mitteleuropäischen Wald ohne Zugang zur Zivilisation weder verhungern noch verdursten würde.

Einmal nahmen wir einen jungen Aal mit und ließen den im Garten groß werden. Ich nehme an, er wurde am Ende gegessen. Wir beobachteten Ameisen beim Schwärmen und Kröten beim Wandern. Ich lernte, dass in unseren Flüssen Muscheln leben und diese einem ins Gesicht spucken, wenn man sie aus dem Wasser nimmt.

Wir waren klettern, sowohl im Fels als auch in Burgruinen. Auch da, wo man es offiziell nicht durfte (Okay, in Burgruinen dürfte das die Regel sein). Vor allem lernte ich von ihm in dem Zusammenhang, in alten Gemäuern sicher herumzusteigen, und das Risiko abzuschätzen.

Wir besuchten jede einzelne Burg und Burgruine im Umkreis von ca. 100 km – zumindest in dem Halbkreis auf deutscher Seite. Die Tschechische Grenze war damals ziemlich undurchlässig. Er gab die wichtigsten Legenden und Geistergeschichten zu jeder an mich weiter, teils einschließlich der dazu gehörenden Gedichte. So konnte ich den „Eppelein von Gailingen“ schon Jahre, bevor wir ihn in der Schule durchnahmen…

Wir besuchten Tierparks und Wildgehege, Tropfsteinhöhlen, die Schauplätze der örtlichen Nicht-Burgbezogenen Legenden und Spukgeschichten. Wir fuhren zu andere Denkmälern, Kirchen, Museen. Eigentlich waren wir ständig unterwegs. Er zeigte mir ein zugängliches Rosenquarzvorkommen, und welche von außen unscheinbar aussehende Steine in Wirklichkeit Quarzvarietäten sind, und wie man sie aufbricht, um an das hübsche Innere zu kommen.

Mein Opa war Glasmacher, und er nahm mich auch mit und ließ mir zeigen, wie die Glasbläserei funktioniert. Und immer, wenn wir dort in der „Altbayrischen“ waren, gab es bevor wir heimgingen ein kleines Glastier aus buntem Abfallglas geblasen. Die standen lange in Reih und Glied bei mir auf dem Setzkasten.

Also 1987 das KTB (Kontinentales Tiefbohrprogramm) begann, waren wir bei erster Gelegenheit dort.

Als die Grenze geöffnet wurde, fuhren wir direkt Ziele in der nahegelegenen Tschechoslowakei an. Wir waren vor der Wiedervereinigung noch in der DDR. Politik usw. interessierte mich damals absolut noch nicht, aber es reichte die Tatsache, dass mein Opa sofort dorthin wollte, nachdem es problemlos ging, um mir klar zu machen, dass die Grenze so, wie sie vorher gewesen war, nicht in Ordnung war.

Mein Opa war auch der erste, der mich mit in ein ehemaliges KZ nahm und mir erklärte, um was es da ging.

Als mein Vater eine Stelle sehr viel näher an den Herkunftsorten meiner Eltern annahm, kauften meine Eltern ein Grundstück in der Heimatstadt meiner Mutter und bauten dort, nur zwei Straßen von den Großeltern entfernt, ein Haus.

Auf dem Land, mit schlechten öffentlichen Verkehrsmittelverbindungen (und außerdem meiner damals schon vorhandenen Abneigung gegen öffentliche Verkehrsmittel) wäre es schwer gewesen, nachmittags irgendwas zu unternehmen – wäre da nicht mein Opa gewesen, der uns unermüdlich fuhr, egal, wohin wir wollten. Ein Anruf genügte. Nie Beschwerden, nie „ich habe keine Zeit“, obwohl ich sicher bin, dass er damit viele Nachmittage verlor (Abholen musste er uns ja auch wieder).

Mein Opa kochte den besten Apfelsaft, gefühlt tonnenweise Marmeladen und Gelees, und war auch in der Küche (für die Saft/Marmeladen/Geleeproduktion hatte er einen eigenen Raum im Keller mit großem Ofen und Kessel) unschlagbar.

Er war für Science Fiction zu haben – insbesondere Star Trek und Perry Rhodan, was er auch bereits an seine Töchter weitergegeben hatte – und ging mit uns ins Theater. Meine allererste Theatervorstellung war das Wirtshaus im Spessart – besonders aufregend, da wir aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, auch noch mit dem Bus hinfuhren.

Zu meiner Erstkommunion bekam ich von meinen Großeltern ein offizielles Geschenk. Ich bin mir nicht mehr sicher, was es war. Möglicherweise die Armbanduhr, die ich nie getragen habe, und die noch immer unbenutzt in ihrem Kästchen liegt. Möglicherweise waren es die Ohrstecker – damals trug ich noch Ohrringe, und ich tauschte an dem Tag auf jeden Fall die vorherigen Kinderohrringe gegen ein Paar „erwachsenere“ Stecker aus, die ich mir ausgesucht hatte.
Ist auch egal… was für mich zählte war, dass meine Großeltern am Vortag anreisten und mir mein Opa eine umklebte Schachtel  in die Hand drückte. Dazu muss ich sagen, dass meine kleine Obsession mit Moby Dick tatsächlich bis in und vor diese Zeit zurückgeht. Ja, ich weiß, neunjährige lesen normalerweise noch nicht gerade Moby Dick. Bei uns hieß es immer, gelesen wird, was gefällt, und Kinder lesen nicht weiter, wenn das Buch noch nichts für sie ist. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits mit einer Klassenkameradin, deren Mutter Schneiderin war und die daher für das Alter sehr gut mit Nadel und Faden umgehen konnte und auch ein bisschen Ahnung davon hatte, wie man eben Sachen näht, aus einem alten Betttuch einen „weißen Wal“ gebastelt. Der war trotzdem irgendwie suboptimal. Und da kam nun eben mein Opa und brachte mir – am Tag vorher, weil es sich nicht so wahnsinnig gut für den Geschenketisch eignete … ein Extrageschenk.

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Er durfte dann doch mit auf’s Geschenkefoto…

Jahrelang hatte mein Opa im Treppenhaus aufgeklebte Puzzles aufgehängt. Segelschiffe. Jahrelang bekam er von mir zum Geburtstag oder zu Weihnachten neue ausgeklebte Segelschiffpuzzles. Es war die einzige Situation, in der ich bereit war, ein Puzzle auf Holz zu kleben.

Das erste Gedicht meines Lebens lernte ich auswendig, um es beim Geburtstag meines Opas aufzusagen. Es waren vier Zeilen, und die kann ich sogar noch.

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So viel Dorn‘ ein Rosenstock / So viel Haar‘ ein Ziegenbock / So viel Flöh‘ ein Pudelhund / So viel Jahr‘ bleib du gesund

Vor zwei Jahren stand ich mit der örtlichen Museumschefin im Museum, und sie erwähnte, dass sie sich mit den historischen Glasmacherwerkzeugen nicht auskenne. Ich rief Opa an, um zu fragen, ob er dazu nicht ein Buch hätte oder zumindest wüsste. Eine halbe Stunde später stand er im Museum und erklärte und zeigte.

In jüngeren Jahren war mein Opa bei der freiwilligen Feuerwehr. Kurzfristig im Faschingsverein. Später begleitete er meinen Vater zu politischen Veranstaltungen, war aber selbst nicht aktiv. Er trieb immer und bis ins hohe Alter Sport, was wohl auch massiv dabei half, dass er sich von dem schweren Herzinfarkt, den er mit Anfang 60 hatte, wieder voll erholte. Noch letzten Montag bei der Aufnahme ins Krankenhaus war der aufnehmende Arzt überrascht von seinem für sein Alter eigentlich ungewöhnlich guten Allgemeinzustand.

Eigentlich, wäre da nicht die Tatsache, dass er in den letzten drei Monaten rapide abgenommen hatte. Anfang des Jahres noch fuhr er selbst Auto, ging Einkaufen, ging Schwimmen, kochte, schmiss große Teile des Haushalts, kümmerte sich um meine aufgrund langjährigem Rheumas pflegebedürftige Oma. Dann ging es rapide abwärts, er konnte nicht mehr essen, schließlich kaum noch trinken.

Anfang der Woche bat er darum, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Zu dem Zeitpunkt wussten wir bereits, dass wir die ihm verbleibende Zeit maximal in Wochen, eher in Tagen rechnen. Meine Brüder waren in der Woche vorher aus ihren jeweiligen Universitätsstädten gekommen, um noch mal einen Nachmittag mit ihm zu verbringen.

Ich war gestern das letzte Mal bei ihm, wir wechselten uns ab. Zu dem Zeitpunkt bekam er auf seinen Wunsch hin nur noch Morphium. Er schlief am frühen Nachmittag ein, und ist unseres Wissens nicht mehr aufgewacht.

Nach einem extrem vollen heutigen Tag gehe ich jetzt noch eine Kerze anzünden. Für den besten Opa, den man sich wünschen kann.

28.12.1934 – 30.06.2017

 

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14 Gedanken zu “Schade, dass du gehen musst…

  1. Mein herzliches Beileid. Ich bin gerade total gerührt von deinem Text, da spürt man in jedem Satz eine so tiefe Verbundenheit. Bewahre dir all diese wunderschönen Erlebnisse in deinem Herzen, Erinnerungen, die dir niemand mehr nehmen kann.
    Ich schicke dir und deiner Familie ganz viel Kraft.

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    1. Danke dir. Die Erinnerungen werden wir uns ganz bestimmt bewahren. Ich wüsste gar nicht, wie das anders gehen sollte, er war doch für uns alle (einschließlich für meinen Vater, also seinen Schwiegersohn) ein sehr prägender Mensch.

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  2. Es tut mit so leid für dich. Ich fühle mit dir. Das Gefällt mir bedeutet, dass du es sehr schön und eindrucksvoll geschrieben hast. Vor Rührung kommen mir auch gerade ein paar Tränen. Ich kann mich so richtig gut in dich reindenken. Ich wünsche dir viel Kraft in dieser schweren Zeit. Viele Grüße (in Gedanken bin ich bei dir).

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