Es ist nun nicht so, als hätte ich vor meinem Mann keine Beziehungen gehabt. Irgendwie scheine ich sogar ein Faible für französische Muttersprachler zu haben. Was mit Blick auf mein mangelndes Talent für die französische Sprache doch irgendwie komisch ist.

Einmal war es jedoch ein Spanier. Nennen wir ihn mal Manolo. Die Beziehung endete eher unschön. Also genaugenommen so, dass ich ihm die gepackten Koffer vor die Wohnungstür stellte. Wir waren Studenten, er hatte ein WG-Zimmer, ich eine Wohnung, wir waren vor allem bei mir… nach dem Tag war er jedenfalls nicht mehr bei mir.

Mano verdankte ich damals meine ersten Berührungspunkte mit dem Reenactment. Er interessierte sich für solche Sachen, für mich war das erst mal nur marginal interessant, durch ihn kam ich damals zu den ersten Kontakten mit einer Gruppe – zu der Zeit noch im Bereich Mittelalter.

Die Trennung vertrug er nicht so gut. Vor allem fand er es wohl nicht so recht angemessen, dass das von mir ausging. Er schaffte es also irgendwie, in seinen Erzählungen die Sache umzudrehen. Er sei gegangen, ich verfolgte ihn angeblich. Wir lebten in einer Kleinstadt und hatten sehr ähnliche Interessen – irgendwie hatten wir uns ja mal gefunden. Dass wir bei ähnlichen Veranstaltungen auftauchten, war logisch. Ich fand es nicht weiter tragisch, selbst seine Freunde wussten ja auch, was tatsächlich abgelaufen war. Wenn es ihm mit seiner Fassung besser ging – bitte. Ich hätte natürlich auch gut damit leben können, ihn nicht immer wieder zu treffen, allerdings eher deswegen, weil ich noch ziemlich sauer auf ihn war.

Jahre vergingen, wir machten unseren Abschluss, Mano zog zurück nach Spanien, ich landete schließlich so halb in Belgien, und dank Mann erneut beim Reenactment. Zunächst als Helfer „hinter den Kulissen, dann hatte der Mann irgendwann einen Geistesblitz und bot mir eine Rolle an, die ich kaum ablehnen konnte – definitiv nicht ablehnen wollte.

Das erste Event auf dem ich also im Kostüm in der Schlacht aktiv sein sollte fand in Spanien statt.

„Ah,“ sagte ein ehemaliger Kommilitone und heutiger Kollege, als ich bekannt gab, dass ich das Wochenende über keine Übersetzungen übernehmen könnte und warum. „Da triffst du Mano. Der wohnt jetzt ganz dort in der Nähe, der kommt garantiert.“

Na toll, dachte ich mir, was soll mir das jetzt sagen… wir hatten seit deutlich über 10 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Was sollte mich das also kümmern? Ich beschloss, selbst wenn ich ihn treffen und erkennen sollte – was ja gar nicht so sicher war – dies einfach nicht zuzugeben. Ich hätte ja auch schließlich zu tun.

*

Wir kamen also an, packten aus, bauten auf, richteten uns im Zelt häuslich ein, gingen zur Vorbesprechung….

Und es dauerte nicht lange, bis ich einem mir doch noch immer erstaunlich gut bekannten Gesicht gegenüberstand. Ich wäre ja nun einfach weitergegangen, aber er meinte, mich direkt am Ärmel packen zu müssen. Schlechte Idee übrigens. Mag ich gar nicht.

Immerhin schaffte ich es, ihm dafür nicht gleich eine runterzuhauen… nur aus „Ich behaupte man einfach, ich kenn‘ ihn nicht“ wurde offensichtlich nichts.

Er legte auch sofort los. Was ich da machen würde, wollte er wissen, warum ich da sei, was das solle, warum ich ihm immer noch hinterherliefe… Oha. Da war wohl jemand nach einer zweistelligen Anzahl von Jahren immer noch sauer, vor die Tür gesetzt worden zu sein. Wahrheitsgemäß murmelte ich was von „Hab‘ zu tun“ und ließ ihn stehen. Zu sagen hatte ich ihm nun wirklich nichts.

*

Mein erster Einsatz „im Feld“ verlief recht unspektakulär – größtenteils hielt ich mich einfach im und beim Chirurgenzelt auf und schaute zu während ich versuchte, so auszusehen, als wäre ich beschäftigt. Ich bekam einen ersten Einblick in die Abläufe und hielt mich später im Lager dann auch eher im Hintergrund, um zu beobachten, wie die Interaktion mit den Besuchern lief. Zwischenrein wurde ich ein paar Mal zum Übersetzen gerufen – Spanisch ist schließlich eine meiner Arbeitssprachen. Eigene Ausrüstung zum „einsetzen“, vorführen und erklären hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Lustig wurde es am folgenden Tag beim Frühstück. Wir saßen an der Tafel im großen Stabszelt, das Lager war eigentlich für die Öffentlichkeit noch nicht geöffnet, und wir waren noch nur so halb in den Rollen, ich vielleicht auch noch nicht so ganz wach.

Die Plane wird zur Seite geschoben und es rauscht eine Person ins Zelt, baut sich in voller Größe vor dem Tisch auf und verlangt, den Chef zu sprechen.

Mehrere Finger und Essbestecke deuten vielsagend auf meinen Mann. Der zieht seinen Kragen zurecht, rutscht von freundschaftlichem Geplänkel direkt in den kommandierenden Offizier und fragt höchst würdevoll nach dem Begehren.

Und Mano legt, auf Spanisch, in voller Lautstärke und Geschwindigkeit los. Die Grundinhalt: Er verlangt, mich aus dem Event zu entfernen und heimzuschicken, schließlich sei ich ja nur da um ihm nachzulaufen, und dieses wiederum sei vollkommen klar und logisch, da mich diese Zeit, die hier gespielt wird gar nicht interessiert, und ich bei der französischen Armee eh nichts verloren hätte, da  ich kein Französisch spreche, usw. usf. In jedem Fall wäre das eine Frechheit, und ich sollte tunlichst umgehend zur Abreise bewegt werden.

Die Blicke der Anwesenden werden immer angestrengter, denn keiner möchte dem Chef jetzt in die Antwort lachen.

Der steht auf, setzt sich höchst würdevoll den Hut auf den Kopf, spaziert halb um den Tisch, bleibt vor Mano stehen und sagt, eine Hand auf dem Schwertgriff und in seinem aller-allerbesten Spanisch: „Señor. Würden uns nicht 200 Jahre trennen, müsste ich euch nun zum Duell fordern.“

Alle Blicke im Zelt sind inzwischen ziemlich starr auf die Teller gerichtet.

Mano verarbeitet den ersten Satz noch, da setzt unser kommandierender Offizier eines drauf:

„… Noch ein Tipp von Mann zu Mann: Hören Sie auf, meine Frau zu ärgern. Sonst müssen Sie sich doch noch duellieren – mit ihr.“

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15 Gedanken zu “Das Duell fällt wegen Zeitverschiebung aus

    1. LOL. Ich weiß nicht, ob das für Spanier normal ist, das war mein einziger… Einer aus unserer Truppe fragt uns seitdem immer, wenn’s nach Spanien geht, ob wir Duellierpistolen mitnehmen für alle Fälle.

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  1. Tolle Geschichte 🙂 Männer und ihr gekränktes Ego… So was endet ja leider oft ganz übel.
    Und ich doofe Nuss hätte doch fast noch gefragt in welcher Sprache ihr kommuniziertet… Manche Fragen erledigen sich von selbst 😁

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      1. Tja, dann müssen sie sich halt so benehmen, dass das nicht notwendig wird ;). Ich habe ihn übrignes danach nie wieder gesehen… er hat sich wohl von weiteren Reenactments in seiner Gegend ferngehalten wenn wir dort waren.

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