So, Fasching überlebt.

Also: ich habe grundsätzlich nichts gegen Fasching. Eines der ersten Dinge, die feststanden, als ich das Haus direkt an der Route unseres Faschingszugs kaufte, war, dass die Familie am Faschingssonntag bei mir sein würde. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich auch nur entfernt vor, dagegen zu protestieren. Wenn ich mich also darüber beschwere, dass es Arbeit oder Aufwand ist, ist das nur ein Ausdruck einer kurzfristigen Unannehmlichkeit, und das weiß die Familie auch.

Eine leicht anstrengende Sache ist der Hausputz im Vorfeld: Zum Thema „Putzen“ plane ich mal einen eigenen Artikel. Jedenfalls wünsche ich mir gerade mal wieder massiv eine Haushälterin. (Finanziell wär’s drin, praktisch ist mir bei dem Gedanken, jemand Fremdes in meinen Sachen zu haben, nicht wirklich wohl.) Na ja. Die eine Hälfte der Familie merkt eh nicht, wie gut geputzt ist, und die andere wird immer was zu bemängeln finden, wenn sie nicht selbst geputzt hat. Also was soll’s…
Zugegeben: Ich nutze das auch als Motivation, um ewig liegengebliebene/vor mir hergeschobene Arbeiten zu erledigen, die ich schon vor Monaten hätte machen sollen… Die rausgebrochenen Fliesen im Treppenhaus ersetzen (der Fliesenkleber hielt den Temperaturschwankungen im Winter nicht stand)… die Ofentür zerlegen, alle Einzelteile reinigen, Dichtung erneuern und alles wieder zusammensetzen, damit das Ding wieder richtig schließt und der Fleck IN der Tür (zwischen den beiden Scheiben) weg kommt…  ausgebrannte Glühbirnen ersetzen…

Zwei oder drei Tage im Voraus klären wir die Feinheiten: Wer kommt, wer bringt wie viele Leute mit, wer kommt eventuell; müssen wir Stühle aus dem Fundus holen? (meine Familie unterhält einen Vorrat an bestimmten Dingen, die einfach zwischen allen geteilt und zwischen den Haushalten hin- und hergefahren werden – meistens eben Dinge, die man nicht immer vorrätig haben muss, wie bestimmtes Werkzeug, die besonders lange Leiter, oder eben auch Stühle für 40-50 Gäste. So viele sind es Fasching glücklicherweise nie.) Wir sprechen dann auch kurz ab, ob sich bei Essensvoraussetzungen irgendwas geändert hat, gehen kurz die Gästeliste durch und stellen sicher, dass für jeden genug zu essen da ist. Meine Mutter steuert in der Regel eine Wurstplatte bei – ich bin Vegetarier, mein Mann isst zuhause in der Regel auch vegetarisch, d. h. wir haben eher keine Wurst im Haus und was übrig bliebe, würde eh‘ zu meinen Eltern gebracht. Ebenso bot sie an, sich um den „Grüngutteller“ zu kümmern – meine kleine Cousine (Grundschulalter) isst fast nur rohes Obst und Gemüse, und Gurken sind für sie ein absolutes MUSS. Wohingegen Gurken für mich der Nonplusultra-Ekelfaktor sind, und während ich sie zwar auf dem Tisch, wenn sie am von mir abgewandten Ende bleiben, geruchsmäßig ertragen kann, möchte ich sie nicht handhaben, schälen, schneiden usw. müssen.

Die Planung steht dann also, die Wohnung ist geputzt, der Sonntag kann kommen…

*

Der Sonntag begann mit früh aufstehen, erster Weg: Bäcker. Brötchen, Baguette, Krapfen sind seit zwei Tagen bestellt. Ich ärgerte mich bereits bei der Bestellung sehr: Letztes Jahr hatte ich nicht bestellt, und bereits um 8:30 war fast alles ausverkauft. Sie konnten mich dann nur noch darauf vertrösten, ich solle doch kurz vor Ladenschluss – 10:30 – wiederkommen, falls irgendwelche Bestellungen nicht abgeholt würden. So kamen wir dann zumindest noch zu Krapfen…
Heuer hatte ich nun bestellt, durfte mir dabei anhören, das sei doch Blödsinn und nicht notwendig, überhaupt wüssten sie gar nicht, ob sie Vorbestellungen annähmen, und – der allerbeste Spruch: „Das wird dann aber nicht billiger!“ Irgendwann schafften wir es dann, dass die Bestellung aufgenommen und notiert war.
Ich komme also zum Bäcker, stehe längere Zeit in der Schlange und – oh, wie toll: Meine Bestellung ist nicht da. „Das haben wir wohl irgendwie übersehen…“ Ach JA? Ich glaube, nächstes Jahr übersehe ich den Bäcker und nehme lieber einen anderen, auch wenn der ungünstiger liegt. Wenigstens waren diesmal noch genug Krapfen da. Baguette: keine Chance (zum Glück auch nicht „überlebenswichtig). Brötchen: keine mehr da. „Könnten wir aufbacken, aber das dauert 20 Minuten.“ Tja, dann würd ich mal anfangen damit, statt drüber zu diskutieren, nee?

Inzwischen kam eine What’s-App-Nachricht der Schwester meiner Mutter („Tante“ ist irgendwie komisch, da der Altersunterschied zwischen uns deutlich geringer ist, als zwischen mir und meinen Brüdern), ob sie den Hund bei mir im Haus lassen kann. The same procedure as every year… Natürlich kann sie. Machen wir doch immer so.

Nachdem ich 20 Minuten beim Bäcker verplempert habe – nein, ich war auf keinen Fall von meinem Platz seitlich der Theke mit Blick auf den Ofen wegzubewegen, nicht, dass die MEINE Semmeln noch weiterverkaufen…  – Nächster Weg zu meinen Eltern, Wurstplatte, Grüngutteller und anderes Zeugs abholen, das ich normalerweise nicht im Haus habe, und das für die eine Veranstaltung im Jahr zu kaufen nicht lohnt. Ketchup zum Beispiel. Bei der Gelegenheit nehme ich direkt noch meine Post mit – wir alle in der Nähe lebenden Berufstätigen oder Vielreisenden lassen unsere Post zu meinen Eltern liefern, wo eigentlich immer jemand zur Annahme im Haus ist.
Mit Mühe vermeide ich einen Zusammenstoß mit meinem Vater, der heute anscheinend einen besonders unpraktischen Tag erwischt hat – das von dem Menschen, der es immer gerne hat, wenn Sachen effizient, nicht umständlich und zackig funktionieren! Eigentlich ja zum Schmunzeln. – Ich weiß nicht, was er hatte, irgendwie meinte er, er müsse die Sachen zu mir in die Stadt fahren… Also quasi, ich fahre jetzt mit meiner Post, und er kommt dann mit dem Essen hinterher. Was zum…?

Ich fahre – mit ALLEM im Gepäck – heim, wo wir schnell die Tische aufstellen, nochmal sichergehen, dass alles da ist, und dann das Haus verlassen, um zum Mittagessen zu meinen Eltern zu gehen. Die halten sowieso jeden Sonntag ein großes Essen für die enge und erweiterte Familie – wer alt jeweils komme mag – keiner von uns hat Lust, heute was zu kochen, essen müssen wir was, und außerdem sollten wir ohnehin da sein. Ich habe nämlich in den zwei Wochen gut 1900 – nein, da ist keine Null zu viel – ausgesonderte, „echt“ und „versteckt“ doppelte Bücher (ein „versteckt doppeltes“ Buch ist ein Buch, das zwar nicht derselbe Titel ist, dessen Inhalte sich aber mit denen anderer vorhandener Bücher decken. Meistens der Fall bei Sammel- und Übersichtswerken, wenn zu den behandelten Themen auch jeweils eigene Sachbücher im Haus sind). Die liegen jetzt einige Zeit bei meinen Eltern im Hobbyraum aus, wo sich jeder aus dem Familien- und Bekanntenkreis nehmen darf, was er möchte. Der Rest geht dann auf den Flohmarkt. Aber Fragen wie „Wie ist dieses Buch?“, „Ist Band X zu dem hier auch dabei?“ usw. beantworten sich einfach besser, wenn wir anwesend sind…

Nach einer halben Stunde Bücherdurchgehen wird zum Essen gerufen. Dabei sehen diese Großmahlzeiten bei uns so aus: Essen kommt in so vielen Einzelteilen auf den Tisch wie möglich: Das Fleisch schwimmt nicht in der der Soße, sondern die Soße wird getrennt serviert, die Champignons sind auch nicht in der der Soße, sondern in einer eigenen Schüssel, es gibt mindestens zwei verschiedene Beilagen, außerdem Gemüse. Grundregel: Wer kommen will, kommt, wer nicht kommen will, kommt nicht; sofern das ein Bewohner des Hauses ist, kann er sich vorher oder nachher was zu essen machen, nicht aber parallel dazu – dazu ist die Küche schon mal nicht groß genug, und es bringt auch nur Unruhe rein, wenn ständig jemand am Tisch vorbei huscht. Mit oder ohne Teller den Tisch verlassen geht immer, aber zurückkommen geht erst wieder zum Kaffee, denn ständiges rein und raus stört auch. Vor allem, wenn man eh‘ recht eng sitzt.
Wenn der „Hauptgang“ abgeräumt wird, gehen die Raucher vor die Tür um eine zu rauchen, ein Teil verabschiedet sich, der Rest trinkt noch einen Kaffee – oder Tee, Kakao, Kaba, etc.

Kurze Besprechung bezüglich des Restnachmittags, und wir gehen heim. Der Rest wird hinterherkommen, aber ich will nochmal ein Stündchen Ruhe.

*

Der Faschingszug läuft direkt vor meiner Haustür vorbei. Für die Familie und unsere Besucher heißt das: Man kann genau so viel Fasching bekommen, wie man möchte: Am Straßenrand voll dabei, in meiner Bibliothek am offenen Fenster – auf Höhe des ersten Stocks eben „über den Dingen“ stehend mit etwas Abstand, dennoch dabei und auch mit Bonbons beworfen werdend… noch ein Stockwerk höher am Fenster, zu hoch um von den Teilnehmern wirklich wahrgenommen zu werden, aber mit gutem Blick… Und wer Pause braucht, geht einfach ins Wohnzimmer, denn mein Haus isoliert so gut, dass schon eine Zwischenwand reicht, um nichts mehr vom Umzug zu hören. Verkleidungsmäßig macht bei uns auch jeder, was ihm passt: Verkleidung und Schminke, Verkleidung ohne Schminke, Schminke ohne Verkleidung, nur mit lustigem Hut oder ganz normal.

Danach dann für die einen Kaffeetrinken in meiner Wohnung, während andere noch weiter feiern gehen und meine Brüder im Haus unserer Eltern selbst noch eingeladen hatten. Dadurch waren wir dieses Mal eine relativ kleine Runde

Der Mamagei freute sich sehr. Der neue Freund meiner Schwester war erstmalig dabei und wurde von dem Vogel umgehend um den Finger gewickelt.

Die Bibliothekumräumaktion war zwar nicht fertig, aber immerhin habe ich meine Privat-Atty-Ausstellung rechtzeitig abschließen können, um diese kurz vorzuführen. Der Hundegast war sich mal wieder nicht sicher, ob man vor Papageien eigentlich Angst haben muss…

Das Essen verlief ruhig, Papagei blieb im Käfig, Mamagei durfte ausnahmsweise auf einem eigenen Stuhl (sie sitzt dann auf der Lehne) mit an den Tisch. Die Versammlung löste sich auf, als die Kinder müde wurden.

Für mich gab es dann erst mal einen ausgiebigen Zwischenstopp in der Badewanne… ein bisschen Entspannung brauchte ich.

Eben haben wir noch die Reste der Wurstplatte, das Ketchup, die übrigen Semmeln und ein paar andere Sachen zu meinen Eltern zurückgefahren. Einer der ersten Sätze meiner Mutter? „Die Fenster in deiner Bibliothek müssen geputzt werden.“

Na, wenn das alles ist…

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10 Gedanken zu “Fasching Helau!

  1. Oh mein Gott, das klingt wirklich nach einer Großveranstaltung und ziemlich anstrengend. Wieviele Gäste hattest du nun?
    Mit dem Putzen kenne ich ja noch aus „Schwiegermutter – kommt – Zeiten“. Plötzlich habe ich es doch wahrlich geschafft die ganze Bude sauber zu machen. Ich sollte doch mal wieder jemanden einladen.

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    1. Wir waren „nur“ 12 zum Essen. Es lachen öfter mal Leute drüber, dass wir das als „nur“ bezeichnen, aber wir können auch noch viel größer.
      Uns wurde auch schon „vorgeworfen“: Ihr seid keine Familie, ihr seid ein Clan.

      Ich glaube, es wäre anstrengender wenn die meisten Leute spontaner wären. So bin ich sehr sicher, dass bis auf wenige Ausnahmen nur aus wirklich zwingendem Grund kurzfristig umdisponiert würde. Und dass eben viele auch nur oder fast nur bestimmte Sachen essen finde ich ebenfalls hilfreich, weil es Planungssicherheit gibt und ich nicht drüber nachdenken muss, was ich auf den Tisch stelle oder ob irgendwas fehlt.

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      1. Jaaaa so ein wenig hatte ich auch den Gedanken vom Clan, stelle mir das Ambiente dann natürlich auch noch so passend dazu vor, also so Rittersaal und riesige Kerzen….

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      2. Damit kann ich leider nicht dienen. Bei mir findet das im Wohnzimmer statt, heute am quadratischen Tisch, wahlweise auch an der langen Tafel. daran bringe ich in der Theorie maximal 26 Pers. unter. In der Praxis habe ich die Menge zum Glück noch nie gebraucht.

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    1. Ich denke, das ist mit eine Frage der Übung. Bei uns wurde immer um große Mengen an Personen geplant. Ich finde aber schon, dass unser hoher Autistenanteil Planungssicherheit gibt – weniger Risiko, dass jemand kurzfristig zu- oder absagt, und man kann sich gut drauf einstellen, wer was essen oder trinken will usw.

      Anstrengend wird es bei uns immer dann, wenn die Familie meines Vaters dazu kommt. Da fehlt der AS-Faktor, das ist gefühlt viel unberechnenbarer. Da habe ich immer die allergrößte Hochachtung vor meiner Mutter, die es schafft „gemischte“ Veranstaltungen mit einigen Dutzend Personen so zu organisieren, dass sie funktionieren. Da würde ich dann eher auswärts einladen und das jemand anders organisieren lassen 😉

      Ich mache das auch indem beschriebenen Rahmen nur einmal im Jahr als „Veranstalter“. D. h. jetzt gerade kann ich da ganz relaxt sein, habe ja 12 Monate Ruhe 😉

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      1. Wir haben pro Generation so zwischen 50 und 75% AS-Anteil, soweit wir die Generationen noch „existieren“. Rein anekdotisch kann man die Varanlagung dann sozusagen noch weiter „nachweisen“ aber für „gesicherte Zahlen“ langt’s dann nicht mehr. Es führt zu einigen interessanten Familientraditionen 😉 und noch interessanteren Familienfeiern…

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      2. Wir können die genetische Komponente nicht verleugnen. Und haben das Glück, dass „Künstlerfamilien“ bei exzentrischem Verhalten eh etwas mehr Freiheiten haben. Ich glaube aber, dass es für uns allgemein schon arg hilfreich war, dass wir dieses „Anders“ oder „Falsch“ sein so nie erlebt haben. Das war halt immer mehr so „Wir“ sind halt so bzw. es heißt dann, na ja, er/sie ist halt wie [Name eines anderen Familienmitglieds einfügen]. Es lehnen auch gerade aus den älteren Generationen einige Leute die Bezeichnung „Autismus“ strikt ab. Jedem das seine… ich sage immer „Google mal Autismus und dann reden wir drüber“ geht einfacher als „Google mal „wie wir halt so sind“.“

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