Am 21./22. war die längste Nacht des Jahres… Sonnwende.

Während die meisten in unseren Breiten ja ein paar Tage später Weihnachten feiern, gibt es doch noch immer – oder wieder – ein paar, die tatsächlich die Sonnwendfeier als „ihren“ Feiertag begehen.

Unter meinen Bekannten gibt es eine Familie, die dem Katholizismus ihrer Eltern abgeschworen haben und sich dem alten germanischen Glauben widmen.

Dazu gehört unter anderem auch das Begehen einer Sonnwendfeier, also einer im Sommer und einer im Winter.

Und dazu wurde eingeladen. Es war nicht das erste Einladung dieser Art, und es war zuvor eigentlich immer recht nett – da wir in der Gegend waren, und an dem Abend nichts weiter vor hatten, sagten wir zu.

Geladen wurde zur Sumbel, und da das Julfest neben Wotan auch Freyr gewidmet ist, der quasi der „Hausgott“ meiner Bekannten ist, wird das Fest üblicherweise bei ihnen ausgerichtet. Ein Grund, der dafür spricht, hinzugehen – dort kenne ich mich aus. Bei einem Fremden mit einfallen würde ich eher nicht machen.

Eine Besonderheit, die mir bei diesen Veranstaltungen immer wieder auffällt ist die Offenheit. Klar, der Kern besteht aus Mitgliedern der Glaubensgruppe, aber es ist jeder willkommen, fast jeder bringt Gäste mit, Christen, Muslime, Atheisten, Buddhisten, und eine Hindu waren dabei. Dabei ist alles am Ablauf eigentlich darauf ausgerichtet, dass jeder soweit teilnehmen kann und darf, wie er möchte.

Die Veranstaltung beginnt mit einem sehr reichhaltigen Abendessen. Das „typische“ Gericht ist ein Schweinebraten, da das Schwein das Symboltier Freyrs ist, aber da jeder essen soll, ist das Angebot deutlich vielseitiger. Als Vegetarier halte ich mich an (hervorragende) mit Käse überbackene Kartoffeln und Salat, von dem es eine größere Auswahl gibt. Alkohol gibt es nicht.

Nachdem das Essen abgetragen ist, erklärt mein Bekannter nochmal kurz den folgenden Ablauf, und vor allem – das Prinzip des Sumbelfriedens. Kein Anwesender darf einen anderen angreifen, attackieren, beleidigen, etc. Zu Zeiten, zu denen Gäste mit Dolch oder Schwert bei Tisch saßen, und sich bei solchen Veranstaltungen durchaus auch Anführer unterschiedlicher Stämme gegenübersaßen, war das sicher auf der rein körperlichen Ebene wichtig. Heute wird es auf einer anderen Ebene zunehmend relevanter – denn es ist durchaus möglich, dass manche Ansichten einfach nicht vereinbar sind. Das muss dann aber bitte außerhalb der Runde ausdiskutiert werden.

Wer meint, den Sumbelfrieden nicht wahren zu können, oder wem der Ablauf doch nicht angenehm ist, oder wer einfach nicht vor einem der anderen Anwesenden sprechen möchte, aus welchem Grund auch immer, kann die Veranstaltung jetzt verlassen und ein paar Runden um den Block gehen oder im Hobbykeller Tischtennis spielen. Fragen zum „Warum“ werden nicht gestellt.

Eine der teilnehmenden Damen braucht ziemlich lange, um zu entscheiden, ob sie bleibt. Ihr Problem… bin ich. Als ich das erste Mal zu Besuch war, kam sie im Gespräch auf den Gedanken, ich sei mit Loki verbunden… und dass der eventuell einen Blick in die Runde wirft, käme ihr so gar nicht gelegen. Naja. Ich habe zwar schon mal im Witz gesagt, wenn ich mir einen Gott suchen müsste, wäre das Loki, und manche Bekannte nennen mich so, weil ich gerne mit Flammen spiele (stellt man eine Kerze in meine Reichweite, habe ich unter Garantie die Finger drin), aber ob das nun reicht… egal, wenn sie gehen wollen würde, würde ich stattdessen gehen, für sie ist das hier Ritual, ich bin nur Besuch. Sie bleibt doch.

Jeder bekommt jetzt zwei Trinkgefäße – das eine normal zum Nachschenken des Getränks der Wahl (immer noch ohne Alkohol), das andere für den Met oder Metersatz. In diesem Fall speziell Orangen- oder Apfelsaft für alle, die keinen Met mögen, keinen Alkohol trinken oder – juhuu, hier, ich – noch fahren müssen. Es werden dazu kleine Aufkleber in drei Farben rumgegeben, mit denen jeder seinen Becher markiert, damit klar ist, wer was bekommt.

Der Ablauf ist relativ einfach. Der Gastgeber nimmt das große Methorn, aus dem er gleich ausschenken wird, stellt es auf den Tisch, sagt sein Gedicht bzw. Gebet/seinen Segen auf und nimmt einen Schluck. Es folgt eine kurze Ansprache, er begrüßt die Anwesenden, wie das halt so ist… gut, eher nicht so mein Ding, aber er darf ja gleich nicht mitspielen, also soll er mal auch was sagen dürfen.

Seine Aufgabe für den Rest der Veranstaltung ist es dann, jeweils dem, der an der Reihe ist, das passende Getränk nachzuschenken. Traditioneller wäre es wohl, das Methorn von Hand zu Hand zu reichen, aber dann wäre es erstens schwerer, den Alkohol auszulassen („Dann setzt man das Horn eben nur an die Lippen und trinkt nicht…“), und zweitens gibt es Leute, die nicht gerne ein Trinkgefäß teilen. Fand ich auch zu Ministrantenzeiten (ach ja, ich komme aus einer katholischen Familie und unser Pfarrer war einer der ersten, die weibliche Ministranten erlaubten…) schon immer grässlich.

Der erste bekommt eingeschenkt, erhebt sich, und darf jetzt sprechen. Solange er steht, hat der Rest zu schweigen. Von einem einzelnen Satz bis zu einer ganzen Ansprache ist alles drin. Wenn er fertig ist, trinkt er und setzt sich, dann ist der links von ihm Sitzende dran, gleiches Spiel.

Das Ganze geht geplant über fünf Runden, jede Runde hat ein Thema. Jeder spricht über eine/seine Gottheit, einen Heiligen, spricht ein Gebet, o.ä. Atheisten wählen ein Weltanschauungs- oder Philosophiekonzept oder ähnliches.

Zweite Runde. Man trinkt auf den Gastgeber, spricht ihm gute Wünsche aus, erzählt eine Anekdote…

Dritte Runde. Gedenken an die Verstorbenen. Irgendetwas zur Erinnerung an einen verstorbenen Verwandten, Freund oder, wenn man so jemanden nicht hat oder nicht vorstellen möchte, eine verstorbene Person aus dem öffentlichen Leben. Naja. Mein verstorbener Opa und Wellington machen ein verdammt knappes Rennen.

Vierte Runde. „Große Krieger“. Vorbilder, Personen, vorzugsweise aus dem öffentlichen Leben und vorzugsweise noch am Leben, für die man besondere Achtung hat. Runde drei und vier neigen dazu, die längsten zu sein.

Fünfte Runde. Selbstbezogen. Man fasst einen Vorsatz, gibt ein Versprechen, gelobt Besserung in irgendeinem Bereich… mit oder ohne religiöser Bekräftigung. Sozusagen ein vorgezogener Neujahrsvorsatz.

Der Gastgeber nimmt sich dann erneut den Met und beendet die Runde mit einer kleinen Abschlussrede. Der Met wird weggeräumt, die Nichtteilnehmer, wenn vorhanden, kommen wieder, und das Ganze geht in eine allgemeine Party über. Jetzt wird auch Bier und anderes ausgeschenkt (der Gedanke zuvor ist, dass es sich um eine ernsthafte, feierliche Angelegenheit handelt und niemand beschwipst sein sollte).

Da würde ich dann jetzt gerne eine Runde um den Block gehen. Die komplett durchstrukturierte Trinkrunde macht mir nichts aus. Es ist klar, wer wann worüber spricht, was danach kommt, wann ich dran bin… Partysituation, wenn viele Leute in einem Raum sind, sich Gruppen bilden und auflösen, Gesprächsthemen durcheinander gehen, ich Dialog mit Leuten halten soll, die ich nicht interessant finde… nicht so sehr.

Entsprechend verabschieden wir uns dann auch zeitnah.

Advertisements

12 Gedanken zu “Wintersonnwende

  1. Sehr interessant. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich es jetzt überlesen habe, aber wieviele Teilnehmer muss ich mir da vorstellen? Und sie, die die Runde vorher verlassen, dürfen sie zuhören oder müssen sie sich ganz entfernen?

    Gefällt mir

    1. Wir hatten 26 Personen am den Tisch, also 25 + Gastgeber. Bei meinen Bekannten ist es so, dass die, die nicht mitmachen, den Raum komplett verlassen. Ob das allgemein so üblich ist oder sich da einfach aus der Praxis ergeben hat, weiß ich nicht, darüber habe ich auch so noch nie nachgedacht. Persönlich fände ich es zum nur zuschauen auch ziemlich langweilig.

      Gefällt mir

      1. Ich fände es interessiert nur zuzuhören, um da zu reden müsste ich mich vorher wohl besaufen…
        Sind aber ziemlich viele Leute und da vier Runden, dann ist das ein langer Abend. Könnte mir das gut vorstellen so draussen am Lagerfeuer.

        Gefällt 1 Person

      2. Wir hätten sogar das passende Gewölbe dafür! Wir haben ja zwei zugängliche unter dem Haus in Bayern (und noch eine „Ebene“ drunter, die aber aktuell nicht begehbar ist, weil ein Vorbesitzer zugemacht hat… Ich will da ewig schon mal mit nem Fachmann ran und klären, wo man das wieder öffnen könnte.

        Gefällt mir

      3. Urkundliche Ersterwähnung um 1370; ehemals Teil der Stadtmauer (also die Nordfronten unserer Häuser stellten die Stadtmauer dar, sind entsprechend dick…
        Geheimgäng sind toll. Mein Vogelzimmer begann ja so – also damit, dass ich festgestellt habe, dass in meinem Haus ein Raum fehlt, bzw. ein Raum weniger breit ist als der Raum davor und dahinter. also haben wir die Wand geöffnet um nachzusehen… offenbar fing irgendwann die Zwischenwand zum nächsten Gebäude an, zu bröckenln, und ein Vorbesitzer mauerte das einfach ab. Das ist die Wand in der die Wellis jetzt versuchen, Bruthöhlen anzulegen…
        Die unteren Gewölbe gehen unter der ganzen Altstart durch, das ist bekannt… (Nur den Bauarbeitern nicht, die bei Tiefbauarbeiten manchmal reingraben und dann in Panik das Denkmalschutzamt verständigen, weil sie was „neues“ gefunden haben).Die sind alle verbunden, das müsste man also entsprechend sichern. Deswegen wurden sie wohl auch in den meisten Häusern versiegelt.
        Ich bin seit Jahren in Verhandlungen für ein zweites Haus hier, ich hätte das gerne als Altersvorsorge zum herrichten und vermieten (leider ist eine Insolvenz im Spiel und die Bank des aktuellen Eigentümers nicht kooperativ). Dort ist der Zugang zum unteren Gewölbe geöffnet…

        Gefällt mir

      4. Ich habe das als Kind schon gerne gemacht, meine ‚Urgrosseltern‘ wohnten ja in einem alten Schloss, da gab es auch unzählige Gänge, einfach spannend.
        Wir denken auch darüber nach um noch ein Haus zu kaufen zum vermieten, aber… Ist ja leider nicht immer so ganz stressfrei. Wir hatten schon Mieter, wo dann die Polizei vor der Tür stand, weil die lieben Mieter eine Canabis Plantage im Haus anlegten.., in Urlaub fuhren und die Bewässerung sich nicht abstellte… Ganz toll, Haus geflutet…

        Gefällt 1 Person

      5. Suuuper. Wir haben im Moment nur Gewerbe als Mieter, ich spiele aber immer wieder mit dem Gedanken, dem Herrn in meinem Erdgeschoss zu kündigen. Ich hätte die Räumlichkeiten gerne selbst.
        Schöööön, ich liebe so alte Gebäude. Ich bin bei Häusern eigentlich immer auf „entweder ganz neu oder ganz alt“. Momentan schauen wir eigentlich aktiv nicht weiter nach einem weiteren Anlageobjekt, weil ja der Vorgang mit dem oben erwähnten Haus noch läuft, und die Renovierung dort kostspielig wird (alleine schon weil der Dachstuhl weit über das hinausgeht, das wir selbst handeln könnten… das Dach umspannt drei komplett Stockwerke von Traufe bis Spitze.) und wir ja in Belgien eigentlich nach Wohneigentum für uns selbst suchen. Zu viele Baustellen gleichzeitig ist auch nicht gut.
        Ich vermute mal soooo feucht fand das Cannabis es auch nicht gut…

        Gefällt mir

      6. Vermutlich nicht, gesehen habe ich es allerdings nicht mehr, war bereits beschlagnahmt. Eine neue Bleibe hatten sie jedenfalls erst mal…
        Wir finden es momentan auch schwierig, den Mieter den wir jetzt noch drin haben möchte das Haus im nächsten Jahr eigentlich gerne kaufen und die Idee ist vielleicht nicht die schlechteste, weil die Gegend leider immer mehr runter kommt und damit auch der Wert fällt.
        Normalerweise bin ich ja eher so der Typ, der auf dem Geld lieber sitzen bleibt, aber Banken… Weiß nicht… Auch nicht gerade vertrauenswürdig. Also vielleicht doch besser in Immobilien…

        Gefällt mir

      7. Ich bin im moment Bankenmäßig über die Zinsen sehr unglücklich. Allerdings Geld als Geld… naja… Immobilien (oder auch andere Objekte, Kunst etwa) fühlen sich sicherer an, da sollte es relativ egal sein, was mit der Währung passiert, Wert müsste einigermaßen erhalten bleiben.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s