Meistens sind ja nur die „runden“ Jubiläen richtig groß angelegt. In den Jahren dazwischen fallen die Schlachten und das Programm darum herum eher handlich aus.

Slavkov u Brna hat jedoch auch zum unrunden Jahrestag die großen Geschütze ausgepackt. Das war schon beim Blick auf das Programm klar, das von Donnerstag bis Samstagabend gehen sollte.

Nun, den Donnerstag mussten wir gleich mal ausfallen lassen. Der Herr konnte der Arbeit nicht fernbleiben. Der Tag Verspätung war allerdings nicht ganz so tragisch – vielen anderen ging es auch nicht anders, und wir waren beileibe nicht die letzten Ankömmlinge.

Ich werde mal wieder dran erinnert, dass ich Zugfahren eigentlich nicht ausstehen kann. Bei unserer letzten Umsteigestation nuschelt der Mann was vor sich hin.
„Wolltest du nicht ’ne Tüte Vokale mitbringen?“ frage ich ihn. Es ist ein ewiger Witz zwischen uns, dass das Französische dem Tschechischen und dem Polnischen ja mal ein paar Vokale spenden könnte, wo es doch so viel mehr schreibt als es zur Aussprache benötigt.

„Es. Ist. Arschkalt.“

Er kriegt es fertig, in dem Satz sehr artikuliert ganze drei Sprachen zu mischen, aber offenbar bringt nur das Deutsche die Temperatur angemessen zum Ausdruck. Und ich finde das noch nicht mal. Eigentlich ist es bestenfalls angenehm kühl… Da Temperaturwahrnehmung aber so eine Sache ist, weise ich nur kurz darauf hin, dass uns nur ein paar Grad von der Originaltemperatur trennen, und ganz ehrlich? Niederschlag bei null Grad ist Niederschlag bei fünf Grad fürs Reenactment definitiv vorzuziehen.

Wir kommen an… am liebsten würde ich jetzt erst mal eine große Runde durch die Stadt drehen, frische Luft schnappen und mich einigermaßen in Ort und Zeit orientieren, denn beides verliere ich bei Zugfahrten, und insbesondere bei internationalen Zugfahrten finde ich dann den Übergang von einer Sprache zur anderen schrecklich stressig. Vom Gefühl her etwa so, als würde *plötzlich* und ohne Grund jeder um mich herum nur Kauderwelsch sprechen.

Dass mein Tschechisch gerade reicht, um nicht zu verhungern, hilft auch nicht gerade.

Wir werden aber von unserem Gastgeber eingesammelt und in einer lustigen Mischung aus Deutsch, Englisch, Französisch und Tschechisch in unser Quartier gebracht. Gastgeber und Familie halten, wie sich herausstellt, Vögel. Keine Papageien und Sittiche, sondern „Arbeitsvögel“. Lies: Jagdfalken, Eulen und Raben, letztere als Partner für Mittelaltermärkte und Reenactments. Im Haus lebt noch ein sehr gesprächiger Beo. Er entschuldigt sich schon mal im Voraus für den Vogel. Seit die Kinder in der Pubertät waren, sagt er, flucht und schimpft der ganz schrecklich.

Vielleicht ist es ganz gut, dass wir den Beo nicht wirklich verstehen, denn zu sagen hat er eine Menge zu uns.

Nachdem ich zum Ausdruck gebracht habe, dass ich selbst Vögel halte, bekommen wir auch noch einen Rundgang zu diesen, bevor es ein spätes Mittag- oder sehr frühes Abendessen gibt.

Dann heißt es Umziehen, für meinen Mann allerdings erst mal nicht in Uniform sondern in Zivil, denn „unsere“ Armee hat heute noch nichts zu melden, und in der Stadt auch eigentlich nichts verloren. Für mich kein Problem, ich trage eh keine Uniform. Und der Mann wusste es ja vorher und hat Zivilkleidung mitgenommen. Die hat auch nicht weniger Lagen als die Uniform, umfasst aber statt der Uniformjacke Mantel und Cape. Der Zweispitz mit der Feder weicht einem normalen Hut.

So mischen wir uns unter’s Volk und schauen zu, wie die Alliierten einziehen und in aller Ruhe das Stadtzentrum besetzen. Sie haben’s nicht besonders eilig – sind ja fast keine Franzosen da.

Wir haben sogar noch Zeit, um über den Weihnachtsmarkt zu gehen und festzustellen, dass wir nichts brauchen, die Stimmung aber sehr nett ist, bevor es zur Planungssitzung geht.

Die ist schon irgendwie lustig, so ganz ohne Uniformen. Nur Napoleon selbst lässt sich die seine nicht nehmen.

Für den nächsten Tag sind zwei Schlachten geplant – eine „richtige“ im Feld und eine angedeutete nach Einbruch der Dunkelheit vor dem Rathaus, direkt übergehend ins große Feuerwerk. Schön. Ich liebe Feuerwerk!

Die Sitzung endet damit, dass der Kaiser seine Offiziere zum Umziehen schickt – den Rest des Abends sollen sie dann doch in Uniform bestreiten. Der Mann geht also brav die Gewandung wechseln, während ich mir einfach noch zwanzig Minuten Ruhe nehme und an der frischen Luft etwas Energie tanke.

Die Herren kehren uniformiert zurück, gerade rechtzeitig um sehr unhistorisch der Ankunft von Kaiser Franz und Zar Alexander beizuwohnen. Bonaparte darf sich ebenfalls sehr unhistorisch dazugesellen. Man ist ja nicht wirklich im Krieg.

Kurzes Palaver, und ab geht’s ins Schloss Slavkov, wo die grässlichste aller Reenactmentveranstaltungen stattfinden soll: der Offiziersball.

Diese gibt es bei Reenactments öfter mal, und ich bin heilfroh, dass meine Rolle keine aktive Teilnahme erfordert. Ich tanze weder gern noch gut und erst recht nicht mit Fremden. Mein Mann tanzt angemessen gut aber nicht besonders gern, und es ist ihm durchaus anzusehen, dass er sich auch lieber zu mir ins „Publikum“ setzen möchte.

Das kommt aber gar nicht in Frage, denn die Dame, die die Frau seiner jeweiligen Figur spielt, ist ebenfalls anwesend –und die wiederum tanzt sehr gerne und strahlt über’s ganze Gesicht. Als guter „Ehemann“ muss er sich also in sein Schicksal fügen und erst mal die Pflichttänze abarbeiten. Also, ich muss ja sagen – ich tanze zwar nicht gern, aber ich sehe ihm durchaus gerne dabei zu, vor allem so in Uniform…

Das Schloss beinhaltet ein Museum, das der Schlacht gewidmet ist. Eigentlich hatte ich ja gehofft, mich zwischenrein mal davonschleichen und mir dieses anschauen zu können – es hat den ganzen Abend über geöffnet – aber da machen mir ein paar Österreichische und Russische „Kollegen“ einen Strich durch die Rechnung, die an meinem Tisch landen und mir glatt ein Gespräch aufdrängen. Wenigstens kommen wir zügig auf ein angenehmes Thema, und so lässt es sich dann mit ausreichend Kaffee aushalten, bis die Musikanten das letzte Lied spielen, der letzte Tanz zu Ende ist, und wir uns ins Quartier zurückziehen können, um morgen hoffentlich wach und munter in den Schlachttag zu starten.

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Ein Gedanke zu “Schlacht von Austerlitz – Reenactment (Teil 1)

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