Wirbel – der „Ur-Wirbel“, sozusagen, war ein Eichhörnchen. Es war der Titelheld eines kleinen Büchleins, ähnlich der PeVau und Pixi-Bücher. Wirbel war besonders vorwitzig, besonders draufgängerisch, und traute sich immer ein bisschen mehr als die anderen Eichhörnchen – also eigentlich das Gegenteil von mir als Kind. Es kam wie’s kommen musste, er fiel vom Baum, brach sich die Pfote, wurde von einer Schildkröte aufgesammelt und zusammengeflickt. Das Büchlein ist gar nicht mal so schön gezeichnet, aber ich liebte es. Und den Wirbel. Variationen von „Es geht kaputt und wird wieder gerichtet“ waren eben schon immer meine Faszination.

Da war also der „Wirbel“, vielleicht mein erstes Lieblingsbuch.

Dann gab mir irgendjemand, irgendwann einen „Klammeraffen“. Pencil Hugger heißen die Tierchen auf Englisch, Klammertiere, Klemmtiere, Klammeraffen, etc…. wir haben, glaube ich, kein eines spezielles Wort dafür. Wer, zu welchem Anlass, wann genau – und auch nur, WAS das Tier wirklich war? Ich weiß es nicht. Und ich kann versichern, ich habe es über zwei Jahrzehnte lang herauszufinden versucht. Es war einfach nicht mehr nachzuvollziehen.

Dieses Spielzeug wurde von mir zum Eichhörnchen erklärt (eines kann ich sagen: Es stellt kein Eichhörnchen dar), erhielt den Namen „Wirbel“ und war fortan das Stand-in für meinen imaginären Freund. Wirbel musste immer und überall mit hin. Aus dem Haus gehen ohne Wirbel? Undenkbar. Heimkommen ohne Wirbel? Eine Katastrophe. Es kam dummerweise auch immer mal wieder zu unglücklichen Situationen der Marke „Wirbel ist weg.“ Sprich, ich hatte ihn irgendwo hingesetzt, und da saß er noch… nur wo?

Meine Mutter erzählt die Geschichte der Wirbeljagd durch ganz Nürnberg, unsere komplette Einkaufstour rückwärts wieder ablaufend, nur um ihm dann zu Hause im Keller zu finden, wo er wohl beim Einräumen der Einkäufe geholfen hatte. Ups?

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, bei der meine Hose blöderweise so tiefe Taschen hatte, dass ich ihn für verloren hielt, obwohl ich ihn bei mir hatte. „Wirbel ist weg“ war ein Desaster, das Tierchen war doch auch irgendwie mein Anker, wenn in der Welt um mich herum zu viel los war. (So richtig klar wurde mir das allerdings in der Tat erst vor ein paar Monaten.)

Das Problem bei der Wirbel-Suche: Ich zitiere meine Mutter: „Beschreib‘ mal einen Wirbel.“

Damit hatte ich nun als Kind kein Problem, Wirbel war eben Wirbel… dummerweise wusste damit aber halt sonst keiner was anzufangen. Also außerhalb meiner Familie.

Wirbel ist kein Monchichi. Er hat ein Plastikgesicht, aber keine Plastikohren. Seine Ohren sitzen oben am Kopf. Der Schwanz ist dreifarbig, kürzer und breiter als der von Monchichis. Das Fell heller als das dunkle Monchichi-braun. Die Hände klemmen, die Füße nicht. Es ist auch kein Nyamy (das sind die „Monchichis“ die keine Äffchen sind).

Durch den ständigen „Gebrauch“ verlor der „Wirbel“ seine aufgemalten Augen – sie wurden mit dünnem Marker nachgezogen. Die Plastikhände lösten sich, gingen ab, wurden wieder angesteckt, gingen verloren… das Fell an den Armen löste sich an der Naht, wurde wieder zusammengenäht, franste aus. Die Ohren waren nur noch ausgefranste Knubbel oben am Kopf, der Schwanz fing an, kahl zu werden… das Tierchen lebte ja quasi in und an meiner Hand. Irgendwann wurde der „Wirbel“ vom ständigen Begleiter zum „Glücksbringer“, der nur zu besonderen Anlässen mitkam.

Dann zog meine Familie um, und „Wirbel“ überlebte den Umzug nicht. Er geriet unter die Räder, unter einen Karton, ich weiß es nicht so genau, aber das Plastik war danach zerbrochen, der Kopf nicht mehr zu kleben, es war nichts zu machen. Keine Schildkröte in Sicht.

Zuerst kam dann – das passende Alter hatte ich wohl auch gerade dafür – die Phase „Eh Kinderkram, was brauch‘ ich einen Wirbel“. Er war kaputt, er wurde entsorgt (Meinen Eltern war es im Nachgang immer wieder mal sehr wichtig, festzuhalten, dass das meine Entscheidung war und sie niemals verlangt hätten, dass auch der kaputte „Wirbel“ weggeworfen würde. Jo. Stimmt so.).

Auf diese Phase folgte dann aber sehr schnell die „Es kann doch nicht so verdammt schwer sein, einen Wirbel zu finden?“ Phase.

Und in dieser Phase lernte ich – ebenfalls sehr schnell…
Meine Mutter hatte Recht: BESCHREIB MAL EINEN WIRBEL.

Was mir alles an Klammertieren angeboten wurde, wenn ich danach fragte… Und ich bin jedes Second-Hand-Geschäft abgelaufen, das ich finden konnte, jeden Flohmarkt, etc. Fragte bei Leuten grob in meinem Alter herum, hattet ihr vielleicht auch so einen? Ist vielleicht noch irgendwo einer übrig? Weiß vielleicht wenigstens jemand, was das für ein Tierchen war? Wo es den ursprünglich gab?

Nichts. Kein Wirbel in Sicht.

1996 begann für mich die Internet-Ära. Ich weitete meine Wirbelsuche also auf das Internet aus. 1999 entdeckte ich eBay. Seitdem lief in meinem eBay-Konto eine Dauersuche für Klammertier, Klemmtier, Klammeraffe, etc. Artikelbeschreibung mit in die Suche eingeschlossen. Irgendwann alle Variationen von Pencil Hugger noch dazu aufgenommen. Jeden Tag wurden alle neueingestellten Klammertiere durchgeschaut. Ich weiß: Manche Klammertierangebote standen Jahrelang drin, wurden alle 10 Tage neu eingestellt und ich frage mich, was der Verkäufer an Einstellgebühren rausgeworfen hat… nur damit ich mir denken konnte „ach der schon wieder… „.

Zwischenrein kaufte ich mal den einen oder anderen. Ich hoffte nämlich, aufgrund der genauen Form wenigstens einmal feststellen zu können, aus welcher Zeit oder Serie der „Wirbel“ ursprünglich kam. Es passte alles nicht so recht. Die Größe stimmte nicht, sie lagen nicht richtig in der Hand.

Ganz ehrlich – hätte nicht jeder – aber wirklich JEDER – in meiner Familie, der älter war als meine Brüder mehr als nur ein Lied vom „Wirbel“ singen können, ich hätte irgendwann noch geglaubt, mir den ganzen Wirbel nur eingebildet zu haben.

Die Wirbelsuchen meiner Kindheit waren gefühlt für alle Beteiligten unendlich, dauerten aber wohl realistisch zwischen Minuten und Stunden. Wie lange kann man aber einen „Wirbel“ suchen, wenn man ich nicht nur verlegt hat, sondern in der Tat aktuell gar keinen besitzt?

Ich weiß es! Der aktuelle Wirbelsuchrekord liegt bei 22 (in Worten: zweiundzwanzig) Jahren minus zwei Tagen. Jawohl, der Autist mit Ziel steht das zumindest in diesem Fall bis zum Ende durch.

Irgendwann fragte ich mich schon, ob ich einen unbeschädigten, neuen Wirbel überhaupt erkennen würde.

August 2016, auf die Woche 22 Jahre nach Beginn der Wirbelsuche. Ich gehe ich wie jeden Tag die eBay-Suchergebnisse durch… und sehe mich urplötzlich – genau: einem Wirbel gegenüber.

Ich bin sicher, die Verkäuferin dachte sich ihren Teil, als ich sie bat, das Tierchen nicht als Warensendung für ein paar Cent, sondern als versichertes Paket… naja. Am liebsten hätte ich ihn ja persönlich abgeholt. Das konnte ich mir gerade noch ausreden.

Lustig fand ich, als ich das Foto von „Wirbel II.“ dann unkommentiert auf eine Social Media Plattform hochlud… und ehemalige Kommilitonen und aktuelle Kollegen umgehend kommentierten:“ Du hast ihn gefunden?“

Weniger lustig fand ich dann die „Ach so… SO EINEN hatte ich als Kind auch“ Kommentare. Schön, dass euch das vorher nie eingefallen war.

Der „Wirbel“ wurde nach Eingang gleich mal testweise an meine Hand geclipst.

Ich habe eine Angewohnheit, wenn der Menschenoverload kommt und ich gerne abschalten und einfach im Kopf weit weggehen möchte, in einer bestimmten Weise meinen linken Zeigefinger zwischen die Finger der rechten Hand zu nehmen. Der Druck „hält mich“ noch eine ganze Weile im jetzt. Das ist ein Stimulus an dem ich mich in einer gewissen Art festhalten kann, ohne mich drauf konzentrieren zu müssen.

Tja… wollt ihr raten, wo genau so ein „Wirbel“ sitzt, wenn man ihn sich an die Hand clipst?

So, und jetzt die Preisfrage:

Was zum Kuckuck IST DAS?

Hand mit Klammertier

Und kommt mir jetzt bitte nicht mit „Ein Wirbel“. DAS weiß ich auch.

 

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14 Gedanken zu “Der Wirbel

    1. Leider nein. Auch kein Klammertiermonchichi. Wir hatten Monchichis als Klammertiere, sowohl die klassichsen dunkelbraunen als auch andere Farben (einen gelben z. B.).Die sehen etwas anders aus. Monchichis haben so Plastiksegelohren an der Seite vom Kopf und lange dünnere Schwänze… Monchichi wäre schließlich einfach gewesen, die bekommt man ja… dafür gibts sogar spezielle Tauschbörsen.

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