…sagt sie und deutet auf meinen Mann.

Ich schüttle den Kopf.

Nee.

*

Ich war vergleichsweise alt, als mir erstmalig klar wurde, dass der Grad an Interesse, das ich einem Thema entgegenbringen kann, nicht „normal“ ist.

Noch älter war ich, als mir klar wurde, wie groß der Unterschied zwischen einem intensiven neurotypischen Interesse und einem „echt“ autistischem Spezialinteresse ist.

Wie ist das nun mit dem Spezialinteresse?

Zunächst mal – wie bei allem: Es ist wohl für jeden ein bisschen anders. Für mich ist es so, wie ich es hier schreibe. Es wird andere geben, die es teilweise oder ganz anders erleben.

Ein Spezialinteresse ist ein relativ eng gefasstes Thema, das mich interessiert, und mit dem ich mich sehr ausführlich beschäftige.

Bleibt das immer gleich?

Nicht unbedingt. Man wird älter, man entwickelt sich weitere, wie sich Interessen verschieben, so können sich auch Spezialinteressen verschieben. Interessiert ihr euch noch für dieselben Dinge, die ihr mit 10 toll fandet? Oder mit 15? Nein? Tja, seht ihr… ich größtenteils auch nicht.

Meine Beobachtung – man korrigiere mich gerne, wenn jemand anderweitige gemacht hat – ist, dass sich im Erwachsenenalter nicht mehr „so viel tut“ und man eher einem Thema treu bleibt, während sich wie bei jedem in der Kindheit/Jugend eher mal Änderungen ergeben.

Auch so würde ich aber sagen, mein Fokus wechselt ein bisschen, mal ist das eine präsenter, mal das andere, durchaus auch einfach eine Frage der Gelegenheit und der Versorgung mit Material.

Ich würde sagen, ich habe zwei Dauer-Spezialinteressen, die immer und unverändert präsent sind.
Eines kann ich zurückverfolgen bis… naja, solange ich denken kann – und über Erzählungen sogar bis vor die Zeit, an die ich mich bewusst erinnere. Ich vermute mal, das Thema werde ich nie loswerden – möchte ich auch gar nicht – das ist so fest mit meinem Hirn verschmolzen.
Das andere habe ich als Erwachsener „erworben“.

Es gibt auch durchaus Themen, die mich noch immer fesseln können, aber nicht mehr so allumfassend wie sie das in der Vergangenheit konnten. Es gibt immer mal wieder etwas, bei dem ich mir in kurzer Zeit sehr viel anlese, es dann aber nicht weiterverfolge.

Wenn du anfängst, dich für etwas zu interessieren, weißt du dann, ob das ein Spezialinteresse wird?

Ich möchte behaupten, inzwischen ja.
Wenn ich mir vorstelle, dass bei einem normalen Interesse meine Aufmerksamkeit mit Druckknöpfen am Thema befestigt wird, sie schon „einschnappt“ aber ich erst mal „draufdrücken“ muss, dann ist das Thema, das zum Spezialinteresse wird eher so der Effekt eines entgegengesetzt gepolten Magneten. Flutsch, da bin ich.

Und kannst du das verhindern?

Ja äh…  Kannst du verhindern, dass du dich für etwas interessierst? Nicht wirklich, oder? Du kannst dem Interesse allerdings einfach nicht nachgehen, wenn du es nicht für gut oder angemessen oder sinnvoll hältst. Kann ich theoretisch auch, aber ganz so einfach ist es für mich nicht.

Magnet. Flutsch. Kleb. Das muss man dann erst mal auseinanderpulen – Meine Mutter hatte zwei recht starke rechteckige Magneten im Nähkorb, zum Nadeln suchen und so. Schönes Spielzeug für uns Kinder. Die waren auch recht schwer auseinaderzuziehen, wenn sie sich erst mal hatten. Der Druckknopf geht viel leichter auf.

Also, Magneten auseinanderfummeln, und dann – dann kannst du deinen Druckknopf einfach zur Seite legen, aber sobald ich meinen Magneten loslasse – Flutsch – klebt der wieder auf dem anderen.

Ich müsste jetzt also einen der beiden Magneten umdrehen und aus Anziehung Abstoßung machen. Kann ich. Aber warum sollte ich das tun?
(In der Tat hatte ich damals, als mein neueres „Dauerspezialinteresse“ aufkam – aus praktischen Gründen – in Betracht gezogen. Im Nachhinein sage ich mal, wäre blöd gewesen. Nee, das passt schon so, wie es ist.)

Es gibt ja Autisten, die haben von selbst gar kein Spezialinteresse. Ich vermute mal, denen fehlt es auch nicht.

Ich kenne aber Autisten, die das Spezialinteresse „von zu Hause her“ (also Eltern…) verboten bekommen haben. Zu obsessiv, zu unnormal, zu viel, zu… (Halte ich übrigens für absolut grausam.) Eine mir bekannte Autistin dieser Art dreht daher noch heute immer mit Gewalt den Magneten um, und sammelt so immer wieder Themen an, mit denen sie absolut nichts zu tun haben will, die sie tatsächlich abstoßen – und zwar immer und zuverlässig dem Moment folgend, in dem ihr klar wird, dass sie gerade mehr-als-üblich oder detaillierter-als-üblich Zeit mit dem Thema verbracht hat. Schade, das, denn ihr entgeht dabei vermutlich etwas, nämlich der – ich bezeichne es jetzt mal als „Stressabbaueffekt“.

*

Und was ist jetzt der Unterschied zwischen deinem Spezialinteresse und dem Hobby deines Mannes?

So richtig bewusst wurde mir der Unterschied wie gesagt sehr spät – genau genommen eben, als ich eben diesen Mann kennengelernt habe.
Der hat in der Tat ein extrem intensives Hobby, das er seit sehr langer Zeit sehr intensiv verfolgt. Er kennt sich mit dem damit zusammenhängenden Bereich hervorragend aus, liest viel davon, kann auch Detailfragen oft beantworten, sammelt Dinge dazu, hatte seine Wohnung passend dekoriert…

Sein Hobby und mein Spezialinteresse sind nicht deckungsgleich. Sie sind sich nahe genug, um sich gegenseitig zu ergänzen, weit genug voneinander entfernt, um keine „Kompetenzstreitigkeiten“ aufkommen zu lassen. Nahe genug, dass wir uns nicht gegenseitig auf die Nerven gehen damit.

Zum einen sind aber die Grenzen seines Interesses nicht so streng gesteckt. Ich habe eine klare Trennlinie zwischen „Interesse“ und „Kein Interesse“. Dinge fallen entweder auf die eine oder auf die andere Seite. Bei ihm ist das mehr so ein fließender Übergang.

Zweitens, angenommen wir sind gerade beide voll in unserem Element, und es kommt etwas dazwischen – dann macht er den Druckknopf auf und kümmert sich um das, was dazwischen gekommen ist. Ich muss erst mal anhalten, die Magneten auseinanderfummeln, wenigstens so eine Art mentalen Pappkarton finden, den ich dazwischenklemmen kann – also meine Gedanken und Konzentration soweit blockieren, dass sie gerade nicht da weitermachen können, wo sie vorher waren – und dann kann ich mich um das andere kümmern, aber es dauert ziemlich lange, bis ich aufhöre, das Stück „Pappe“ zu „spüren“.

Drittens, jetzt wird es dann wirklich auffallend. Ich kann immer.

Ich meine, natürlich kostet meinen Mann sein Hobby im Normalfall weniger Anstrengung und Energie als seine Arbeit oder andere Dinge, die ihn weniger interessieren. Natürlich wird er abends eher seinem Hobby nachgehen wollen, als noch ein bisschen zu arbeiten, oder etwas total Langweiliges zu machen. Oder zum Runterkommen bei Stress.

Eine Beschäftigung mit meinem Spezialinteresse ist für mich aber nicht nur weniger anstrengend als eine Beschäftigung mit etwas anderem – sondern auch weniger anstrengend als Nichtstun. Klingt komisch? Ist aber so.

Mein Mann verbraucht bei seinem Hobby immer noch Energie, und es gibt Zeiten, da ist er auch dafür zu geschafft. Je fertiger ich von anderen Sachen bin, desto dringender wird mir das Bedürfnis, mich mit einem Spezialinteresse zu beschäftigen. Es ist so ein bisschen Urlaub fürs Hirn. Ich habe mir sagen lassen, manche Leute bekommen den Effekt durch Meditation. Vielleicht ist da gar nicht so viel um, von der internen Wirkung. Alle Gedanken, alle Überlegungen, alle Energiefresser, werden weggesperrt, und das einzige was bleiben darf ist eine sehr geordnete Art zu Denken, ein Fokus auf einer – und nur einer – Sache.

Da vergisst man dann auch schon mal das Essen.

Oder das Schlafen. Ist mir auch schon passiert, dass dann plötzlich wieder Morgen war. Naja, das ist dann eher suboptimal.

Da war einmal eine Zeit, in der ich extrem im Stress war. So richtig, nächste Haltestelle Meltdown. Alles ging drunter und drüber, es gab keine Möglichkeit mehr, runterzukommen, weil ständig noch eins und noch eins draufgepackt wurde, von allen möglichen Seiten.

Es war schon fast eine Verzweiflungstat – ich wusste, ich muss irgendwie genug Energie auffüllen um aus diesem Tief auszukommen… Ich buchte den nächsten Flug München-London. Nahm den Tag frei. Nachts um 3 zum Flughafen. Ersten Flieger des Morgens. Vom Flughafen ab in die Tube. 45 Minuten U-Bahn über mich ergehen lassen, um 9:30 am Ziel. Die nächsten sieben Stunden direkt am Kern meines Spezialinteresses verbracht, nichts anderes um mich… Einfach nur schön. Bällebad für meinen Kopf, wenn ihr so wollte. Reinlegen ins Vergnügen und drin rumrollen (nur dass ich mich natürlich nicht im wörtlichen Sinn auf den Teppich gelegt habe… das konnte ich mir gerade noch verkneifen. )

Ich war kurz vor Mitternacht wieder zu Hause, auf dem Rückweg am Flughafen sogar noch dran gedacht, dass ich mal was essen sollte.

Wer käme schon auf die Idee, im höchsten Stress schnell einen Day-Trip nach England zu unternehmen? Mir hätte aber ein Tag nichts tun im dem Moment gar nichts gebracht, außer dass die Arbeit am darauf folgenden Tag zusätzlich zu machen gewesen wäre. So hatte ich sieben Stunden am Stück Tiefenentspannung. Einmal Neustart fürs Gehirn, der Arbeitsspeicher ist wieder frei, die hängenden Prozesse laufen wieder…

Normalerweise lasse ich es nicht ganz so weit kommen – aber diesen Day-Trip habe ich seitdem öfter wiederholt, vor allem wenn ich gerne komplett aufgeladen in einen stressigen Zeitabschnitt starten will. Dann mache ich allerdings auch mal halb/halb, treffe mich dort mit einer ebenfalls autistischen Freundin, mit der ich mir das andere Spezialinteresse teile. Dann verbringen wir dazu ein paar Stunden im Austausch, meistens bei einem ausgedehnten Spaziergang durch den einen oder anderen Park.

Andere finden es dann oft verwunderlich. Sie würden das nicht hinbekommen, sagen sie mir, an einem Tag nach London und zurück… das sei doch so viel Stress, zweimal in den Flieger, man hat ja auch kaum Zeit (ich finde 7-8 Stunden sind eigentlich eine Menge Zeit, wenn man sie mit dem Richtigen verbringt), also nein, wie kann ich das nur…

Für mich laden diese Stunden dazwischen eben sehr viel mehr Energie auf, als mich die An- und Rückreise kosten, da ich mich in dieser Zeit wirklich mit gar nichts anderem beschäftige – auch mit gar nichts anderem beschäftigen muss. Ich stelle mir einen Wecker, um eine Rückfahrt nicht zu verpassen, und dann kann ich einfach alles andere vergessen.

Und den Effekt bekommt man mit einem Hobby, egal, wie intensiv man es verfolgt, eben nicht hin.

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3 Gedanken zu “„Er hat da ja auch so ein Spezialinteresse…“

  1. Hast du sehr schön beschrieben. Mein Spezialinteresse besteht seit meiner Kindheit und ist bis heute geblieben, ein zweites kam vor ca 20 Jahren dazu, ansonsten gibt es wohl wirklich nichts, was mich runter holen kann.
    Muss aber schon sagen, so eine extra Reise nach London ist schon krass. Gerade, wenn ich sowieso schon gestresst und drüber bin, würde ICH das wohl nicht schaffen, ohne unterwegs schon zusammen zuklappen. Dann bist du wirklich im Kopf schon nur noch auf das Ziel fokussiert, das gelingt mir nicht so gut.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, wobei ich das heute auch nicht mehr alleine machen würde, ich würde sagen, das war damals schon nicht unriskant. Ein gutes halbes Jahr später habe ich meinen Mann kennengelernt, seitdem habe ich bei solchen Aktionen dann mein „Sicherheitsnetz“ in Form von Mann dabei. Wobei der eh meistens rechtzeitig dafür sorgt, dass ich mal richtig Pause mache.

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