Es war irgendwann in den 1990er Jahren, als mich eine Bekannte anrief.

„Du kannst Englisch.“

Äh. Ja. Bin damit aufgewachsen. Kann Englisch. Sie wusste das ja auch, wir waren gemeinsam an einem Projekt beteiligt, das eher international war. Projektsprache: Englisch. Es war auch ohnehin nicht so recht eine Frage, sondern mehr eine Feststellung.

„Hast du übernächstes Wochenende Zeit?“

Die Frage kann eigentlich nur in zwei Richtungen gehen: Spitze oder absolutes Chaos, also erst mal nachfragen, wofür.

„Mein Assi ist im Krankenhaus, ich brauche Ersatz.“

… Wofür?

Die Bekannte arbeitete in organisierender Position für eine Art Event-Agentur. Konzerte, Lesungen – und Science Fiction Conventions („Cons“).

Das sind so Veranstaltungen, bei denen sich an der Produktion diverser Serien Beteiligte einfinden, ihren Fans Rede und Antwort stehen, Fotos knipsen lassen, sich manchmal etwas daneben benehmen, und hoffentlich auch etwas Spaß haben… Um eine solche ging es.

Ich bat um Bedenkzeit, wurde andererseits gebeten, mich schnell zu entscheiden.

 

Die Entscheidung fiel, ich ging hin. Star Trek liebe ich von klein auf, eigentlich war es gar keine Frage, dass ich mir ein solches Event mal anschauen wollte – warum mich also nicht dafür bezahlen lassen, statt dafür zu bezahlen. Außerdem fallen mir solche Sachen viel leichter, wenn ich einen Job zu tun habe, etwas, auf das ich mich konzentrieren kann, und nicht irgendwo in der Luft hänge und nicht weiß, wo ich als Nächstes hin soll. Einen Tag vorher kommen und die Örtlichkeit schon kennenlernen schadet auch nichts.

Das mit dem bezahlen lassen war so eine Sache – Arbeit auf Cons ist im besten Fall ein Nullposten. Fahrtkosten, Unterkunft, Verpflegung, Taschengeld. Aber ich blieb dabei: Aus dem ersten Blitzeinsatz wurden mehr, in den darauf folgenden Jahren waren es jeweils 4 bis 6 „Cons“ im Jahr.

Ich habe aus der Zeit für mich viel mitgenommen. Ich habe damals im Auf- und Abbau die Grundlagen der Ton- und Lichttechnik gelernt, kann Stromkreise basteln, die deutlich über den Physikunterricht am Gymnasium hinausgehen, weiß, wozu Starkstrom gut ist und was man damit nicht machen sollte, kann löten und schweißen… Im Zusammenhang mit Cons habe ich meine ersten Computernetzwerke verkabelt und meine erste LAN-Party zusammengesteckt und betreut. Ich habe mich daran gewöhnt – damals noch ohne Navi – in so ziemlich jeder Großstadt zu fahren, auch Rechtslenker, und für mich bestätigen können, dass ich wirklich lieber schriftlich übersetze als mündlich zu dolmetschen – wobei die Situation einer Frage-und-Antwortstunde noch gut geht, bei der Autogrammstunde  wird es schon stressig, simultan will ich gar nicht erst versuchen.

„Starkult“ und „Fandom“ im üblichen Sinn habe ich nie wirklich verstanden. Ich liebe Star Trek, damals wie heute. Ich mag Mr. Spock und „Bones“ McCoy. Ich finde Q ganz lustig und war über den Tod von Jadzia Dax enttäuscht. Ich mag auch Babylon 5. Ich finde Alfred Bester ebenso unterhaltsam wie Chekov, und hätte gerne mehr von Vir, Na’toth und Lennier zusammen am Verhandlungstisch gesehen. Ich fand die letzte Staffel gar nicht mal so schlecht, und mit der Figur Stephen Franklin verbindet mich eine tiefe Abneigung.
Leonard Nimoy, Walter Koenig, Andreas Katsulas und wie sie alle noch hießen… sind Menschen mit einem anstrengenden Job mit dem Ziel, andere Leute zu unterhalten. Dafür bekommen sie von mir die gleiche Anerkennung wie jede andere Person, die ihre Arbeit gut macht. Das Gequietsche und Gekreische, das Autogramme jagen, Geschenke mitbringen und Fotos wollen – das läuft auf einer Ebene, die ich nicht verstehe.

Hätte ich das vorher anders gesehen, diese Arbeit hätte mich sicher davon kuriert. Es ist einfach nur sehr schwer möglich, Personen so anzuhimmeln, wie das manch ein „Fan“ macht, wenn man mal drei Abende auf relativ engem Raum mit ihnen verbracht hat – für uns war die Con ja nach Feierabend nicht zu Ende – beim Feierabendbier, Billardspielen, Dampf ablassen, albern sein, wenn die Besucher weg sind und keiner mehr in character sein muss. Peter Wingfield kann auf den Händen laufen, und das finde ich eigentlich sehr viel beeindruckender, als wenn Methos mit einem Schwert in der Hand über den Bildschirm hüpft. Robin Atkin Downes spielt hervorragend Klavier (sagen zumindest die, die was davon verstehen, ich hab’s mit Musik nicht so), was abends in der Hotel-Lounge deutlich mehr wert ist, als ein etwas vergeistigter Telepath im Sektor Braun. Fernsehschurken können auch richtig nett sein – und der eine oder andere Sympathieträger auf dem Bildschirm stellt sich in Person als nervige Diva heraus. Letzteres kam mir in höchster Vollendung zum Glück nur genau einmal unter, aber er war sehr effizient: Mein Bedarf ist von damals her noch immer gedeckt.

(Das ist wohl wie bei den Bremsern: Es kommt nicht auf die Anzahl an, sondern auf die Qualität.)

 

Und eine letzte Sache, die ich von den Cons behalten habe:

Eine wahnsinnige Abneigung gegen Fans.

Nun gut, nicht alle Fans. Manche Fans sind sehr nett. Gut erzogen, mit angemessenem Verhalten, ruhig, höflich, zurückhaltend, unaufdringlich.
Dann gibt es eine kleine Anzahl der Worte „meist junges Mädchen im Teenageralter“, unangenehm weil laut und bunt, häufig stinkend nach Parfüm, quietschend, kreischend, auf und ab hüpfend, und keine zwei Wörter am Stück rausbringend… so aufgeregt dass es schon fast wieder niedlich wäre, wäre man nicht gerade so massiv am Augenrollen, dass man nicht mehr so sicher ist, wo oben und wo unten ist. „Harmlos“ mit vielsagend hochgezogenen Augenbrauen nannten wir diese Marke.

Leider ist es mit Fans aber wie mit Hunden: Die sich benehmen können, können noch so viele sein – sie fallen nicht auf im Vergleich mit der kleineren Gruppe, die es nicht kann.

Das Fan-Äquivalent zum dauerkläffenden Westie und zum bissigen Pudel (ohne dabei solchen West Highland White Terriern und Pudeln, die sich durchaus benehmen können und dies auch tun, zu nahe treten zu wollen) sind eben nicht die kreischenden Teenies.

Der Kläffer unter den Fans hat ein gewisses Profil: Weiblich, etwa Anfang vierzig, gelangweilt oder unglücklich verheiratet, wahlweise Single, geschlagen mit zu viel Vertrauen in die eigene Unwiderstehlichkeit und einer allzu großzügigen Portion Phantasie, die so viel Raum einnimmt, dass für irgendeine Art von Schamgefühl kein Platz mehr ist. Der Begriff „unverschämt“ wird da in ganz neue Höhen getragen. Es braucht auch hier nicht viel – eine im Hotel ist vollkommen ausreichend, um sicherzustellen, dass alle, aber auch wirklich bis auf den letzten Mann alle Mitarbeiter es mitbekommen. Diese Damen sind davon überzeugt, der Traum der schlaflosen Nächte des jeweils Auserkorenen zu sein, ohne Ansehens seiner möglichen Präferenzen, seiner sexuellen Orientierung, seines Beziehungsstatus oder auch nur der Tatsache, dass sie noch nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte… und Wehe dem, der diesem vermeintlichen Glück im Wege stehen wollte.

Musste man nur aufpassen, dass keine in das Zimmer eines „Gaststars“ einstieg, um dort getragene Unterwäsche zu hinterlegen, war das noch im Rahmen des „Erträglichen“.

Ich kann mich bis heute nicht entscheiden, welche Dame den Vogel abschoss:
a.) Die Aufgeregte, die einer aus dem Team Morddrohungen unter der Zimmertür durchschob, für den Fall, dass die Schreiberin die Empfängerin dieses Werks noch einmal dabei ertappen sollte, so respektlos mit dem „wunderbarsten Menschen der Welt“ umzuspringen (bezog sich wohl auf vorhergegangenes Herumgealbere im Flur). Leider war die Dame nicht mehr aufzufinden und wird für immer ein gesichtsloser Brief bleiben…

Oder
b.) Die wirklich Verzweifelte, die uns mit einer großen, an sich selbst adressierten und ausreichend frankierten Schachtel abpasste. Ihr Lieblingsstar, sagte sie uns, sei der [Name], und sie sei nicht wie andere Fans – sie würde die Privatsphäre und das Privatleben der Schauspieler durchaus respektieren, auch verstehen, dass sie keine Zeit für irgendwelche Fans hätten, die Sonderwünsche haben… nun sei es aber so, dass sie unbedingt ein Kind von ihm wollte, und da hätte sie sich gedacht… Wir möchten ihm doch bitte „das hier“ geben. Er könnte dort (die Schachtel enthielt ein leeres Marmeladenglas) „etwas für sie hineintun“. „Den Rest“ würde sie dann selbst machen.
Ja. Genau so standen wir auch da. Im Biounterricht hatte die Dame wohl auch eher schlafend zugebracht. Mit einem jedenfalls hatte sie recht: Wie andere Fans war sie wirklich nicht.

Ich habe mit der Arbeit auf den Cons schließlich nicht wegen der Fans aufgehört, obwohl gerade die beiden beschriebenen Damen mich durchaus zu der Überlegung gebracht hatten, ob ich mir das wirklich weiter antun wollte. Es war am Ende einfach eine Frage der Zeit. Ich war danach noch ein paar Mal „einspringen“, habe aber inzwischen auch seit über zehn Jahren keine Con mehr von innen gesehen. Es fehlt mir auch nicht.

Eigentlich dachte ich, ich hätte damit auch mit dem Thema „Fans“ abgeschlossen.

 

Das Wort „Eigentlich“ sagt alles…

Denn ich kam zurück zum Reeactment…

(Was ist Reenactment? Das ist, kurz gesagt, wenn man sich für einen Tag oder ein Wochenende trifft, historische Kleidung anzieht und eine Zeitlang in einer anderen Epoche „lebt“ – meistens wird dabei dann ein bestimmtes Ereignis nachgespielt. Das ganze kann man zum Spaß nebenbei für ein, zwei Wochenenden im Jahr betreiben, oder auch sehr ernsthaft mit kompletter Ausrüstung und zahlreichen Großveranstaltungen im Jahr. Immer eine Frage der Zeit, Lust und Flexibilität – arbeiten muss man ja auch irgendwann.)

Nun ist der Reenactor aber kein Schauspieler, sondern ein normaler Mensch, der einem Hobby nachgeht.
Allerdings schon einem bei dem man auch gerne informiert. Es darf jeder, aber auch wirklich jeder, gerne auf uns zukommen, uns Löcher in den Bauch Fragen zur Materie, zu den Hintergründen, zu unseren Figuren, zu der Begebenheit, die gerade gespielt wird. Während das Lager für die Allgemeinheit geöffnet ist, darf jeder in unser Zelt kommen, gerne auch Truhen und Kisten öffnen, sich erklären lassen, was das alles ist, warum man das brauchte, wozu es benutzt wird, und wie… Egal wie jung oder alt, wir werfen keinen wegen dummen Fragen raus. Danach langt’s dann aber auch wieder, spätestens wenn man sich wieder umzieht und zum ganz normalen Menschen wird, möchte man wieder seine Ruhe.

Ich kam also zurück zum Reenactment und musste feststellen: lässt man die kleinen und rein regionalen Veranstaltungen hinter sich, findet man –oh Graus – in leicht abgewandelter Form das gleiche Prinzip der Fans vor. Da gibt es Leute, die ihrem Lieblings-Reenactor zu Veranstaltungen hinterherreisen, quietschen, kreischen, Fotos wollen, ungefragt Pferde betatschen, Mitbringsel in Zelten hinterlassen…
Auch die Altersverteilung hat sich kaum geändert. Die Teenie-Fraktion ist wesentlich kleiner, Geschichte ist in dem Alter wohl nicht ganz so in.

Was leider nicht kleiner ist, ist die Fraktion der Enddreißiger bis Mittvierziger in gelangweilter oder unglücklicher Beziehung (wahlweise Single) mit der überschäumenden Phantasie und dem grenzenlosen Selbstvertrauen… Und viele derer, die in wiederkehrender Rolle eine bekannte historische Persönlichkeit spielen, haben eine solche.

Online finde ich sie ja schon nervig, wenn sie auf den einschlägigen Foren auftauchen, die Pressefotos kommentieren, die Frauen beleidigen, die die Ehefrauen der jeweiligen Rollen spielen. (Dass ein echtes Paar auch ein Paar spielt kommt weniger oft vor, als man denkt.)

Gelegentlich mal eine aus unserem Zelt entfernen zu müssen, die dort auf „ihren Liebling“ wartet … Es könnte lustiger sein, wenn ich nicht immer die aufgeregte Briefeschreiberin im Hinterkopf hätte.

Es gibt wirklich wenig, das mir Angst macht, aber Fans dieses Kalibers stehen ziemlich weit oben auf der Liste.

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9 Gedanken zu “FANatic

    1. Wenn wir a.) erwischt hätten, wäre sie mit Platzverweis aus dem Hotel geflogen, sowas wurde durchaus ernst genommen.
      Ich bin da vielleicht etwas überempfindlich durch die Con-Erfahrungen (die zwei waren ja nicht alleine, nur für mich die Highlights über die Jahre), aber mir graust immer vor dem Tag, an dem ich mal im wörtlichen Sinn genau zwischen meinem Mann und seinem „Fan“ stehe.

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      1. Ich weiß nicht, ob das, was diese Leute treiben als „Eifersüchtig“ bezeichnet werden kann… Ich für mich finde Leute wie die wahnsinnig gruselig, wenn sie sich da auf den entsprechenden Foren drüber auslässt, was sie genau alles zu tun gedenkt, damit er einsieht, dass sie die einzig Richtige für ihn ist, … Und dann würde da noch nicht mal eine Dame, sondern so ein blöder Feldchirurg den Plänen im Weg stehen. Ich glaube jetzt nicht, dass sie gleich eine Morddrohung schicken würde, aber ich fürchte mit irgendwelchen Zwischenfällen oder „lustigen“ Aktionen rechne ich schon. Leute sind seltsam, und die Dame bedient sämtliche Warnknöpfe, die ich mir damals angeeignet habe…

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      2. Für mein Verständnis grenzt das teils schon an Stalking. Irgendwie schon irr, bei den paar Einträgen, die sich bisher auf unsere Veranstaltungen bezogen haben, habe ich immer erst nochmal geschaut ob irgendwelche Stichworte drin sind, nach denen die Dame evtl. googeln könnte. Eigentlich ist es ja albern, aber für manche Leute möchte ich echt nicht findbar sein.

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    1. So ist das am schönsten… Ich komme aus einer Star-Trek- (oder vielleicht eher allgemein Sci-Fi.-)Familie.
      Ich weiß bei den aktuellen Star Trek varianten ehrlich gesagt nicht mal, wie die Schauspieler heißen, und bei DS9 und VOY schon oft nur die Vornamen von denen, die ich eben von den Cons her kannte, selten habe ich mir auch mal einen vollen Namen gemerkt. Die TNG-Schauspieler kenne ich noch mit ganzem Namen, zu der Zeit habe ich noch den „Abspann gelesen“, wenn was lief. Aber der Abspann läuft heute ja meines Wissens gar nicht mehr. (Habe sozusagen keinen Fernseher… also einen Fernseher schon, aber der hängt nicht am Kabelnetz. Daher weiß ich da nur, was mir erzählt wird, und das sagt mir „ich kann auch nochmal zehn Jahre warten, bevor ich das Antennenkabel suche“.)

      Cons, ja, es war fast immer toll als Erlebnis, aber ich bräuchte es, glaube ich, heute noch nochmal.

      Gefällt 1 Person

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