„…macht dir das gar nicht aus, so nach letztem Jahr?“

Letztes Jahr? Was war denn letztes Jahr mit Kindern? Doch eigentlich gar nichts.

Und dann kommt es mir…

Letztes Jahr – ja, letztes Jahr war diese Sache, als mein Mann sich für eine Veranstaltung vom Veranstalter ein Pferd lieh… das ist ganz normal und kommt öfter vor, nämlich immer dann wenn man das eigene nicht mitnehmen will oder kann. In dem Fall war das Leihpferd aber auch für ihn ein paar Konfektionsgrößen zu hoch und hatte außerdem absolut keine Lust auf die ganze Chose.

Im Ergebnis konnte der Mann dann nachfolgend eindrucksvoll beweisen, dass man mit einer Rippenserienfraktur zwar nicht unbedingt aufs Pferd steigen muss, aber, so man es nur dringend genug will, durchaus kann. Zum unendlichen Schrecken des Assistenzarztes, der dies irgendwann rausfand.

An das Kind denkt er hier gar nicht… aber anscheinend sollte ich nun allgemein etwas dagegen haben, dass der Mann ein Pferd reitet, das nicht seines ist. Oder vielleicht ein Pferd reitet, das sich nicht gut benimmt. Oder…?

Aus dem Nicken wird ein Kopfschütteln. „Nö. Macht mir nichts aus.“

Er schaut ungläubig.

Ich schaue zurück, zucke mit den Schultern.

Ich verstehe es nicht. Mein Mann ist erwachsen – und zwar nicht erst seit heute. Er reitet seit einigen Jahrzehnten. Er wird wissen, auf welches Pferd er sich setzen will – und auf welches nicht. Ja, es gab eine Situation, in der er sich verschätzt hatte, es kamen einige ungünstige Sachen zusammen, und das ganze endete mit Verletzungen, die für ihn sicher sehr unangenehm und schmerzhaft waren (und im Übrigen zunehmend lustiger wurden, je weiter sie verheilten. Ja, vielleicht haben wir beide einen seltsamen Humor.).

Wenn er das als Grund sehen würde, jetzt nicht auf ein Fremdpferd zu steigen, würde ich dazu nichts sagen.

Wenn er das nicht als Grund sieht, jetzt nicht auf ein Fremdpferd zu steigen, sage ich dazu genau dasselbe: gar nichts.

Wenn er wieder runterfällt und sich wieder was tut – Dann tut das ihm weh, nicht mir. Und, da müssen wir uns auch nichts vormachen, der nächste kaputte Knochen wird kommen – mein Mann hat ein wahnsinniges Talent dafür, sich selbst zu zerlegen. Wenn nicht mit dem Pferd dann mit dem Motorrad. Oder dem Quad. Oder einfach nur, indem er ohne zu schauen von einer höheren Mauer springt.

Ich möchte mir von Keinem sagen lassen, was ich reiten darf oder nicht. Ich werde sicher nicht versuchen, einem geübten Reiter vorzuschreiben, worauf er sich setzen darf. Warum nehmen sich überhaupt Leute heraus, anderer Leute Grenzen „festzulegen“? Das nennen sie dann „um jemanden besorgt sein“ oder „es gut mit jemandem meinen“ oder „das Beste für jemanden wollen“.

Ich nenne das bevormunden. Auch, wenn es nicht so gemeint ist. Vielleicht nicht so gemeint ist. Solange jemand niemanden außer sich selbst einem Risiko aussetzt, sehe ich nicht ein, warum ich mich einmischen sollte. Auch nicht, wenn das mein Mann ist.

Erst recht nicht, wenn es mein Mann ist.

Der Mann gehört mir doch nicht… Der kann durchaus für sich entscheiden, was er tut und lässt. Die Konsequenzen trägt schließlich auch er.

Ich würde es vielleicht anders sehen, wenn er nach jeder Verletzung wochenlang jammern und sich bedienen lassen würde – wenn es also doch irgendwie auch für mich Konsequenzen hätte. Tut er aber nicht.

 

„Du musst besser auf ihn aufpassen“, sagte meine Schwiegermutter. „Mein Sohn braucht jemanden, der ihn bremst und der schaut, dass er auf sich aufpasst.“

Der Schwiegervater darauf zu ihr: „Dein Sohn will so jemanden aber nicht.“

 

„Der Mann kriegt nie ’ne Frau ab“, erzählte mir einer seiner Kumpels, damals als wir uns gerade frisch gefunden hatten und sein Freundeskreis noch nicht so recht mitbekommen hatte, dass er nun vergeben war. „Keine will sich bei jedem unerwarteten Anruf fragen müssen, was er sich jetzt wieder getan hat.“

 

„Aber“, fragte mich eine Freundin, „tut dir das nicht auch weh, wenn ihm was passiert? Wenn jemandem, der mir wichtig ist, was passiert, dann spüre ich das doch auch irgendwie und es tut mir weh und ich möchte das nicht.“

 

Bitte wie?

Das ist nun wieder so ein Punkt, an dem ich an meine Grenzen stoße. Wenn mein Mann vom Pferd fällt, tut ihm das vermutlich schon weh – mir aber nicht. Und zwar nicht deswegen, weil er mir nicht wichtig wäre, sondern weil ich eben nicht runtergefallen bin. Weil mich kein Pferd getreten hat, weil ich noch immer oben sitze.

Wie funktioniert dieses „das tut mir auch weh“?

Ich kann mir das nicht vorstellen. Wie soll ich das spüren, was nicht meinem Körper passiert?

Natürlich weiß ich in der Situation, dass es für ihn schmerzhaft ist. Darüber freue ich mich nicht, es ist mir auch nicht egal, aber es tut mir auch nicht weh. Wirklich. Wissen und fühlen, das sind doch zwei getrennte Dinge. Und ich würde mir niemals rausnehmen, für ihn zu entscheiden, wie viel Schmerzen – oder welches Risiko – er für sich riskiert.

Ich reagiere allerdings auch eher ungehalten, wenn jemand versucht, mir vorzuschreiben, was ich zu tun oder nicht zu tun habe… weil es „sicherer“ oder „besser“ für mich ist, weil ich dafür „nicht stark genug“ oder „nicht groß genug“ bin (ich bin in der Tat recht klein), weil ich mir dabei etwas tun könnte. (Klar. Könnte ich vermutlich. Und wenn, dann ist das mein Problem…).

Den anderen machen lassen, was er für sich entschieden hat, scheint allgemein als Zeichen von mangelndem Interesse gewertet zu werden. Für mich ist es im Gegenteil zu einem gewissen Grad eine Frage der Höflichkeit – auf jeden Fall aber immer eine Frage des Respekts und des Respektierens.

Abgesehen davon, dass es jetzt gerade mal mein Mann ohne bleibende Schäden bis in sein aktuelles Alter geschafft hat, woraus zu schließe, dass er durchaus weiß, welche Grenzen er nicht überschreiten sollte. Ich habe insofern also schon gar keinen Grund, einschreiten zu wollen.

Aber, wie so oft… bin ich da mal wieder komisch und anders, wie es scheint.

Irgendein Mechanismus fehlt mir da. Wenn ich so drüber nachdenke glaube ich, ich würde diesen auch gar nicht haben wollen. Er klingt mir nämlich äußerst unpraktisch.

Mein Mann legt mir dieses Fehlen zum Glück nicht als Desinteresse aus. Würde er das tun, wäre er vermutlich auch nicht mein Mann, denn dann hätte er mein „Desinteresse“ bereits bei unserer allerersten Begegnung zu spüren bekommen.

Der Bekannte aus der Reenactmentgruppe hat wohl doch irgendwo Recht mit seinem nächsten Satz, den er ziemlich kopfschüttelnd von sich gibt: „Na, da haben sich ja wirklich die richtigen gefunden…“

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Ein Gedanke zu “Tut dir das denn nicht auch weh..?

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