In der Nähe eines meiner Wohnorte gibt es einen kleinen Eckladen. Verkauft wird dort dies und das, auf den ersten Blick ist das Angebot sehr wild zusammengewürfelt.

Auf den zweiten Blick nicht mehr so sehr: Da sind zum einen die Werke örtlicher Künstler und Kunsthandwerker, aber auch viel, das allgemein unter „Handwerk aus der Region“ fällt, Lebensmittel und Süßigkeiten aus der Gegend, daneben „FairTrade“ und Waren kleinerer Unternehmen, meist mit besonderem Ruf. Der gemeinsame Nenner ist weniger die Art der Ware, und eher ihre Herkunft. Vom Essen bleibe ich weg, das wechselt mir zu oft (Süßes hole ich manchmal als Geschenk), aber sonst kaufe ich hier recht gerne ein. Man investiert ein bisschen mehr Geld als im Kaufhaus, dafür stimmt die Qualität.

Der Eigentümer heißt für den Zweck dieses Posts Leo (so heißt er im Laden natürlich nicht), und verkauft selbst. Neben den normalen Waren auch seine eigenen Werke, denn Leo ist selbst Maler und hat sein kleines Atelier hinter dem Laden, seine Wohnung oben drüber. Und Leo hat noch was: Guten Kaffee. Deswegen nehme ich mir immer eine halbe Stunde mehr Zeit, wenn ich dort vorbeigehe, denn „Trinken wir noch’n Kaffee?“ gehört einfach dazu. Er unterhält sich gern mit der Kundschaft und die Kaffeemaschine hinter der Theke produziert zum Glück nicht nur schwarzes Wasser.

Da sitzen wir also, trinken Kaffee und unterhalten uns, während er noch ein halbes Auge auf die Dame hat, die das Seifenregal durchstöbert, aber keine Hilfe will und alleine zurechtkommt.

Die Tür geht auf, das Glöckchen bimmelt, ein Herr im Anzug kommt rein. Schaut sich um. Leo stellt seinen Kaffee weg, steht hinter seiner Theke auf und fragt nach dem Anliegen, wofür er erst mal ignoriert wird, während der Herr sich suchend umblickt. Sein Blick ruht nacheinander auf der anderen Kundin und auf mir, die ist aber beschäftigt und ich sitze sehr unbeteiligt mit meiner Tasse in der Hand da und mache absolute keine Anstalten, Blick- oder sonstigen Kontakt aufzunehmen.

„Wer isn hier zuständig?“ fragt der Herr in die Runde.

Blöde Frage, vermutlich der, der hinter der Kassentheke steht… Und nebenbei bereits Hilfe angeboten hat. Der Herr schaut schon wieder mich an. Ich deute wortlos auf Leo.

„Wo isn dein Chef?“ fragt der Herr. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich finde, erwachsene Leute zu duzen, zeugt nicht gerade von guter Kinderstube. Auch wenn der Sprecher selbst nicht nur die 30, sondern auch die 40 und vermutlich die 50 schon hinter sich hat.

„Ich bin der Herr H.“, sagt Leo – sein Name steht großmächtig außen am Laden. Er fragt ihn nochmal, wobei er helfen kann.

Der Herr im Anzug runzelt die Stirn und wünscht sich erneut – nun sehr langsam und deutlich sprechend – den Chef.

„Es ist mein Laden“, sagt Leo. Er will noch was sagen, aber der Herr lacht, so wie Leute lachen, wenn Kinder einen total unwitzigen Witz machen, sie aber dem lieben Kleinen die Freude lassen wollen. Die Dame am Seifenregal schaut inzwischen zu. Ich trinke meinen Kaffee.

Leo zuckt mit den Schultern und setzt sich wieder. Das Spiel ist ihm heute wohl auch zu blöd.

Der Herr murmelt noch etwas vor sich hin und verlässt schließlich unverrichteter Dinge wieder den Laden.

Und nun ist die Seifenfrau dran. Denn die kommt jetzt zu uns rüber, schaut Leo an, schaut mich an, und sagt dann in absolute entrüstetem Tonfall – zu mir: „Aber warum machen Sie denn da nichts?“

Ich? Warum bitte sollte ich?

„Sie kennen den doch.“

Ja, und wenn Sie davon ausgehen dass ich Leo kenne, können Sie auch davon ausgehen, dass ich weiß, ob ich mich einmischen soll. Ich kann’s mir nicht verkneifen. „Seh‘ ich aus wie der Pressesprecher? Wenn Herr H. Hilfe gebraucht hätte, hätte er’s sicher gesagt.“

Der Herr H. nickt, die Dame macht ein missbilligendes Geräusch und schüttelt den Kopf ob soviel Rücksichtslosigkeit meinerseits.

Mein Kaffee ist leer, ich verabschiede mich von Leo und gehe. Von der Dame verabschiede ich mich nicht. Die kenne ich nicht, und ich will sie auch nicht kennenlernen.

*

Über wen der beiden könnte ich mich nun gerade mehr aufregen? Den Herren im Anzug, oder die Dame vom Seifenregal?

Es mag auf den ersten Blick überraschen, aber das ist definitiv die Dame.

Warum?

Der Herr war unhöflich und allgemein unmöglich in seinem Benehmen. Das dürfte klar sein.

Leo hat natürlich, man kann es sich denken, nicht nur einen Laden und guten Kaffee, sondern noch was – das Down Syndrom, um es genau zu sagen. Das ist nun optisch ja relativ eindeutig.

Mit dem Laden ist er aufgewachsen, und wie das halt bei Familienunternehmen so üblich ist, hat er ihn irgendwann vor Jahren von seinen Eltern übernommen. Die Buchhaltung macht eine Angestellte, aber das ist ja nun wirklich nicht ungewöhnlich. Ich mach meine Buchhaltung auch nicht selbst, und ich habe nun wirklich kein Problem mit Mathe.

Klar, er liegt sicher am höher-funktionalen Ende seines Spektrums. Und klar, das hat weder dem Herrn im Anzug noch der Dame am Seifenregal irgendjemand erzählt.

Muss es aber auch nicht. Denn wenn ich in einen Laden gehe und dort jemanden hinter der Kasse stehen sehe, kann ich doch wohl davon ausgehen, dass der schon wissen wird, was er da tut… oder? Zumindest kann ich es mal ausprobieren und feststellen.

Der Herr hat mit seinem Verhalten ganz klar gezeigt, was von ihm zu halten ist: nichts. Das dürfte jedem auffallen, der ihm zufällig zuschaut. Damit ist die Sache auch erledigt. Er outet sich selbst als Arschloch, wird damit leben müssen, wenn man ihn als solches behandelt.

Die Seifenregaldame… ist auf den ersten Blick vielleicht ganz nett. Und offenbar der Meinung, ich hätte helfen sollen. Helfen sollen, wo jedoch gar keine Hilfe notwendig war. Nochmal: Ist jemand alleine im Verkaufsraum und verhält sich dieser jemand noch dazu absolut professionell, kann – muss – ich davon ausgehen, dass dieser Jemand die Situation im Griff hat und weiß, was er tut. Da muss ich mich nicht einmischen. Soll ich mich auch nicht einmischen. Was sie sich scheinbar vorgestellt hatte… würde ich als bevormundend und respektlos empfinden. Das finde ich deutlich unangenehmer, als wenn sich jemand mit seiner offenen Unhöflichkeit selbst ins Aus manövriert – auch, weil es oft schwer ist, auf die „Sorge“ dieser Leute zu reagieren, ohne erst mal selbst sehr überreagierend zu wirken.

In dem Zusammenhang muss ich auch immer an zwei Begebenheiten mit einer Freundin denken.

Wir lernten uns im Studium kennen. Die Freundin ist blind. Für uns kristallisierte sich schnell heraus, Blind x Autist = Klappt super. Jahrelang waren wir mehrmals die Woche gemeinsam unterwegs, Kino (damals machte ich das noch), Museum, Theater, einfach nur Wandern, Wocheneinkauf, Wochenendeinkauf in nächster Großstadt, Markt, Konzert, etc. Abends dann gerne noch ein Abstecher in unser Lieblingscafé. Von da hatten wir ein Stück weit denselben Heimweg. Dort, wo sich der Weg gabelte, verabschiedeten wir uns dann, sie nach links über die Straße zu ihrer Wohnung, ich nach rechts zu meiner. Eigentlich ganz einfach…

Einmal standen wir grade da, ich war schon dabei mich umzudrehen, da kommt ein Auto die Straße herauf und stoppt. Ich sage noch „Du, der lässt dich rüber“, die Freundin sagt „Ah gut,“ und geht. Ich gehe auch, komme aber nicht allzu weit, bevor das Auto schnell beschleunigt, neben mir wieder abbremst, das Fenster runterkurbelt und die Fahrerin mich anbrüllt, was mir einfalle, ich hätte sie ja wohl nicht alle, wie könnte ich…

Es dauerte eine Weile, bis ich kapiert hatte, was sie meinte… nämlich, dass ich die arme Blinde doch nicht alleine über die Straße – noch schlimmer: Alleine in der Stadt irgendwohin! – laufen lassen könnte, so also quasi ausgesetzt habe (das Wort fiel). Ihrer Meinung nach hätte ich sie wohl wenigstes bis zur Haustür eskortieren sollen.

Was bin ich nur für ein schrecklicher Mensch, der davon ausgeht, eine erwachsene Frau sei in ihrer Heimatstadt in der Lage, in einer ruhigen, ungefährlichen Gegend ihre Wohnung eigenständig zu erreichen. Ich weiß nicht, was sich die Frau im Auto vorstellte. Mit der Realität dürfte es wenig zu tun gehabt haben.

Ich zeigte ihr einen Vogel und ging… sie folgte mir im Schritttempo noch bis zur nächsten Kreuzung, war offenbar noch nicht fertig, aber bei mir herrschte schon Durchzug.

Spulen wir vor, fünfzehn Jahre später. Wir sind immer noch befreundet, leben in unterschiedlichen Städten, treffen uns aber immer mal wieder auch gerne für ein Wochenende. Nach einem dieser Wochenenden brachte ich sie zum Bahnhof, zum Bahnsteig und zur Zugtür. Da wir ungünstig geparkt hatten, machte ich, wie ausgemacht, kehrt, sobald sie die Hand an der Türe hatte und „alles klar“ sagte.

Und – interessanterweise scheinen es immer Frauen zu sein, da stöckelt mir doch glatt ein weiteres Exemplar der Marke übermäßig besorgte Dame nach, die Treppen runter, um mir ausführlich zu erklären wie schrecklich rücksichtslos ich sei, wie verantwortungslos und ich könnte doch nicht, und man müsste doch … so jemanden wenigstens bis zum Sitz bringen, was, wenn sie jetzt die Leute, mit denen sie reist nicht findet?

Verständnisloser Blick. „Wie jetzt, wen?“

Oh nein! Ich lasse diese arme Frau doch nicht auch noch alleine Zug fahren! GANZ alleine? Ohne Begleitung, ohne Hilfe, ohne…

Ich will gar nicht wissen, was sich die Dame gedacht hat, als ich zu lachen anfing… Denn bei meiner Antipathie gegen Züge sieht eine zwangsweise gemeinsame Zugfahrt bei uns doch eher andersherum aus.

*

So, der langen Rede kurzer Sinn: Nein, nicht alles, was vielleicht „gut gemeint“ ist, ist wirklich gut. Es gibt eine Grenze zwischen Hilfe und unerwünschter Einmischung. Wer einfach seinem Alltag oder seiner Arbeit nachgeht muss nicht bemuttert werden. Leider fürchte ich, dass gerade diese Personen, die sich befleißig fühlen, den vermeintlich Nicht-Helfenden zurechtzuweisen, selbst am schnellsten Wegschauen würden, wenn irgendwo wirklich Hilfe gebraucht wird.

Nebenbei, wären sie wirklich daran interessiert, sicherzustellen, dass eine vermeintlich hilfsbedürftige Person Hilfe bekommt, würden sie ja wohl diese Person fragen… und nicht eben gerade die andere, die ihrer Meinung nach ihrer „Pflicht“ nicht nachgekommen ist.

Denn genau darum, ums Helfen, geht es dabei nämlich nicht.

Sie gehen mir auf die Nerven, diese Leute.

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4 Gedanken zu “Gut gemeint?

  1. Sehr schön beschrieben ♥ es ist auch schwierig. Bei Leuten, die man kennt ist das auch einfacher, zum einen weiß man, was sie „können“ und wo sie vielleicht doch Hilfe brauchen, zum anderen würden sie sich melden.
    Bei fremden Menschen, finde ich die Situation mitunter schwierig. Viele trauen sich auch nicht immer um Hilfe zu bitten und was man auch tut, es kann immer falsch sein. Versucht man dauernd zu helfen, sieht es aus, als traut man ihnen nichts zu, fragt man nicht, scheint man ignorant.

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    1. Klar, den Betroffenen fragen kann falsch sein, den Betroffenen nicht fragen kann falsch sein… ist auch sehr individuell, glaube ich, manche finden es eher beleidigend überhaupt gefragt zu werden, manche hoffen drauf weil sie sich selbst nicht um Hilfe bitten trauen… aber für mein Verständnis kann die „Begleitperson“ oder den „Bekannten“ der entsprechenden Person darauf ansprechen, statt mit dem Betroffenen direkt zu reden, nie richtig sein. Super, das klingt jetzt total konfus, ich hoffe, du kannst es entwirren.
      Ich befürchte, dass ich bei Fremden eine benötigte Hilfe aber in vielen Fällen gar nicht bemerke, weil ich meistens mit ziemlich starkem „Tunnelblick“ unterwegs bin.

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      1. Sollte man meinen, oder? Grade deswegen finde ich es so extrem daneben, wenn dann Außenstehende glauben, die „Begleitung“ (ob nun wirklich als Helfer oder einfach nur als Bekannte/n / Freund/in finde ich da egal) zurechtweisen zu müssen … Dieses „Ich weiß aber besser als du, was du machen solltest, um diese Person zu unterstützen, die ich gar nicht kenne“ finde ich einfach nur grauenhaft.

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