Maarten S. Sneijder

„…er war fast schon Autist.“ heißt es im neuen Buch von Andreas Gruber (Todesmärchen, Heyne-Verlag; Prädikat: „Nicht berauschend, das konnte der Autor schon mal besser“).

„Fast?“ sagt eine Freundin. „Meinst du nicht—also ich dachte, was meinst du denn?“

Diagnosen stellen bei Buchfiguren und historischen Persönlichkeiten ist zum einen natürlich immer eine Wackelpartie. Die Datenlage ist begrenzt, vieles wissen wir nicht, es wurde und wird interpretiert was das Zeug hält.

Aber es schadet ja keinem (mehr), also kann man sich auch in aller Ruhe austoben.

Dann also mal los… Maarten S. Sneijder. Profiler.

Hochintelligent. Hochintelligente Autisten gibt es jedenfalls.

Kein guter Teamplayer, arbeitet lieber alleine. Das widerspricht der Vermutung zumindest mal nicht.

Spezialinteresse könnte man sein Interesse an der Verbrecherjagd vielleicht nennen – aber nur sehr vielleicht. Sein Ausbildungsweg sehr divers, und der Hintergrund seiner Besessenheit mit der Mörderjagd neben den im neuen Buch eingeführten Details auch anderweitig erklärt.

(Soziale) Normen und Regeln interessieren ihn wenig. Jo, allerdings kann er auch einfach nur ein ziemliches Arschloch sein.

Er ist unhöflich zu Leuten und stößt viele vor den Kopf. Das tun wir gelegentlich, meist ohne Absicht. Die meisten „Kollegen“, die ich kenne, versuchen es auch zu vermeiden. Passieren kann es immer mal, aber kaum jemand tut es mit Absicht. Sneijder schon. Ihn interessiert es auch nicht, wenn ihn jemand darauf hinweist. Ich finde es ja immer wieder amüsant, wie schnell einige Leute bei jeder intelligenten aber unhöflichen Figur Autismus schreien…

Es gäbe da aber einen Hauptgrund, aus dem ich mich bei der Frage mit einem klaren „Nein“ platziere, und festhalte: Sneijders Verhalten ist nicht „angeboren“ sondern absichtlich zur Schau gestellt.

Er legt es nämlich mit zunehmender Erschöpfung ebenso zunehmend ab, im neuen Buch sehr schön zu beobachten.
Egal, wie gut wir es sonst gelernt haben, nach den Regeln zu spielen – ich kenne keinen Autisten, bei dem unter ausreichend Stress und Müdigkeit die erlernten Abläufe nicht irgendwann versagen.
Oh, und das tun sie bei Sneijder auch – nur er wird plötzlich verträglich. Ihm fehlt die Energie, seine unfreundliche, abweisende Art aufrechtzuerhalten. Genau das Gegenteil von dem, was passieren müsste, wenn die Freundin mit ihrem Eindruck Recht gehabt hätte.

Ohne Handschuhe

Meine Hände sehen gerade irgendwie aus, als hätte ich mit einem Kaktus gekämpft. Oder seit 5:30 heute Morgen geholfen, ein historisches Feldlager aufzubauen. Auf schlecht vorbereitetem Gelände, nach einer Trockenzeit, die gerade lange genug war, um diverses Gestrüpp waffenfähig zu machen – und ohne Handschuhe.

Zieh doch Handschuhe an – gehört in mindestens fünf Sprachen.
Hilft nichts, die Handschuhe bleiben, wo sie sind – in den Gürtel gesteckt. Ich kann mit Handschuhen nicht arbeiten. Irgendwas an den Händen, gerade fest genug um nicht runterzufallen, lose genug um sich ständig zu bewegen, wechselnder Kontakt, ständig Stimulation durch den Stoff – geht nicht. Ich soll ja auch noch was arbeiten, und nicht nur dastehen und verzweifelt mit den Händen wedeln.

Gummi- oder Plastikhandschuhe gehen übrigens noch weniger. Alles, was glatt und untexturiert ist, ertrage ich nur sehr kurz auf der Haut. Ich kenne Leute, die reagieren auf das Geräusch von quietschendem Styropor mit Brechreiz. Mit geht das mit Gummi-/Plastikhandschuhen ähnlich…

Also zerkratze ich mir eben bei der Arbeit die Hände.

Was daran noch etwas schwerer zu erklären ist: Es stört mich nicht.

Gut, mein Schmerzempfinden ist etwas seltsam – in manchen Körperregionen gar nicht vorhanden, in anderen verzögert, und wohl allgemein etwas geringer als im Durchschnitt.

Diese kleinen Schnitte und Kratzer an den Händen spüre ich teilweise schon (zum andern Teil nehme ich sie als das genaue Gegenteil wahr – als absolut gefühllose Stellen). Es stört mich nur nicht.

Schmerz ist bei weitem nicht das unangenehmste Gefühl, das der Körper produzieren kann. Jucken, zum Beispiel, ist deutlich unangenehmer. Sonst würden wir es ja nicht mit Schmerz überlagern (Kratzen macht genau das).

Das Gefühl, das sich bei mir einstellt, wenn ich bestimmte Texturen – oder eher fehlende Texturen – berühre ist für mich noch unangenehmer. Je mehr jetzt die im Lauf des Tages angesammelten Kratzer und Minischnitte zwischen mir und der Textur stehen, desto weniger muss ich darüber nachdenken, was ich wie lange in der Hand halten muss.

Nach dem Wochenende werde ich dann noch ein oder zwei Tage haben, in denen ich vielleicht mal alle die Sachen in Angriff nehmen sollte, die ich vor mir herschiebe, weil sich das unangenehme Gefühl dabei nicht umgehen lässt…