„Hier, hab dir Eis mitgebracht“, sagt der Lieblingsmann.

„Danke“, sage ich und versuche irgendwie angemessen begeistert zu klingen, während ich mir denke Na super.

Nicht, weil ich gerade kein Eis will. Es ist ziemlich warm, und ich habe selbst auch schon drüber nachgedacht, schnell zur Eisdiele zu laufen und mir einen Becher zu holen. Und dem Lieblingsmann natürlich auch einen. Die örtliche Eisdiele ist sogar in der Lage, eine Bestellung vernünftig auszuführen.

Es ist aber schön länger warm, und ich weiß genau, wo die Eisschaufeln sind: In der Spülmaschine. Die ist noch nicht voll genug um sie einzuschalten. Die Plastiklöffelchen von der Eisdiele gehen gar nicht, und Eis mit normalem Teelöffel finde ich jetzt auch nicht so toll. Es gibt eben für manche Sachen genau das richtige Werkzeug, und das Werkzeug für einen Eisbecher ist die Eisschaufel.

Der Eisbecher bewegt sich in mein Blickfeld, und oben drin steht…

Eine Eisschaufel.

Huch?

Ich schaue etwas blöd, er grinst.

„Wo hasn’t die jetzt her?“

Er grinst noch etwas breiter. „Aus der Spülmaschine, hab schnell abgespült.“

 *

Manche Eigenschaften, die „typisch Autist“ sind, haben so ihre Vorteile. Andere haben eher Nachteile. Und oft kommt es doch einfach nur auf den Zusammenhang an.

Dass ich mich auf eine Sache „einschießen“ kann und keine Ablenkung an mich heranlasse, dass ich konzentriert über einen längeren Zeitraum an einer Sache arbeiten kann, mit einer Intensität die „nicht normal“ ist, das ist in meinem Beruf grundsätzlich von Vorteil. Es ermöglicht mir eine Arbeitsgeschwindigkeit und -qualität, die wenige erreichen, und erlaubt mir Einarbeiten in Themengebiete in Rekordzeit.

Andererseits führt der gleiche Mechanismus dann zu den regelmäßigen Momenten, in denen ich selbst am liebsten rückblickend den Kopf nachdrücklich und wiederholt mit der Tischplatte in Kontakt bringen würde.

Das sind dann diese Momente, in denen ich vor Bäumen den Wald nicht sehe – und mir der Fokus auf einen Punkt, oder eine Kette von Punkten  – Keine sauberen Eisschaufeln da > Spülmaschine noch nicht voll genug > Keinen passenden Löffel > Entweder falschen Löffel nehmen oder kein Eis essen – den Blick für die doch eher naheliegende Lösung nimmt. Vielleicht nicht, weil ich es theoretisch nicht könnte, aber immerhin weil ich wie die Schnecke, die auf ihrer eigenen Spur im Kreis kriecht, keinen Blick mehr dafür habe, was rechts und links von meinem Fokuspunkt liegt – und dabei noch nicht mal merke, dass ich mich gerade hervorragend als Anschauungsobjekt für Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein eignen würde. Zumindest nicht, bis mich jemand mehr oder weniger nachdrücklich von der gelaufenen Spur schubst.

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